Story

Lady Gaga: Die Meisterin der Gegensätze

7 Min.

06.09.2025
Lady Gaga: Die Meisterin der Gegensätze

Diese Geschichte handelt von Stefani Joanne Angelina Germanotta. Wo bei den meisten nun ein großes Fragezeichen auftauchen sollte, wissen die »Little Monsters«, die Fans der Sängerin, Bescheid: Es geht um die Sängerin Lady Gaga. Für ihren Künstlernamen war einer ihrer Produzenten, Rob Furasi, verantwortlich, wie er selbst später zugab: »Jeden Tag, wenn Stef ins Studio kam, fing ich an ›Radio Ga Ga‹ zu singen, anstatt ›Hallo‹ zu sagen. ›Lady Gaga‹ war eigentlich eine Panne: Ich tippte ›Radio Ga Ga‹ in eine SMS und es führte eine Autokorrektur durch. So änderte sich ›Radio‹ irgendwie in ›Lady‹. Sie schrieb mir zurück: ›Das ist es.‹ Seit diesem Tag war sie Lady Gaga.« Und der Name passte wie die Faust aufs Auge, denn vor allem ihre Outfits konnten anfangs gar nicht anders beschrieben werden: schrill, bunt und vollkommen gaga.

Die wenigsten hätten damals jedoch vermutet, dass hinter den provokanten Auftritten eine Poetin zum Vorschein kommt. So befindet sich auf ihrem Oberarm ein Zitat des deutschen Dichters Rainer Maria Rilke: »Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Muss ich schreiben?« Doch wie schaffte es Lady Gaga, gerade diese grundverschiedenen Seiten von sich für ihren Erfolg zu nutzen?

Die Außenseiterin

Schon früh klimperte die junge Germanotta voller Begeisterung auf dem Klavier herum, sodass ihre Eltern ihr mit vier Jahren Klavierunterricht ermöglichten. Sie selbst sagte später zu ihrer Leidenschaft: »Ich war wirklich gut am Klavier. […] Ich war vielleicht keine geborene Tänzerin, aber ich bin eine geborene Musikerin.« Ihr Talent fand jedoch kaum Anerkennung unter ihren Mitschülern. Sie sei »zu provokativ und zu exzentrisch« gewesen, sodass es regelmäßig zu Mobbing kam. Genau diese Erfahrung habe ihr später den Anlass gegeben, ihre eigene Hilfsorganisation »Born This Way Foundation« zu gründen, die sich für die mentale Gesundheit von Jugendlichen einsetzt.

A star is born

Das Musik-Studium, das die angehende Sängerin nach der High School begann, brach sie bereits im vierten Semester ab, um ihre Leidenschaft so schnell wie möglich zum Beruf zu machen. Danach trat sie zusammen mit der Performance-Künstlerin Lady Starlight immer öfter in Bars auf – eine Zeit, an die sich Gaga auch heute noch gerne zurückerinnert: »Der kleine Schuppen war voll und draußen vor dem Fenster standen auch noch etwa hundert Leute. Diesen Moment werde ich nie vergessen. In jener Zeit fühlte ich mich erstmals wie ein Star, obwohl ich noch keiner war.« Mit ihren Aufritten begeisterte sie nicht nur die queere Szene – eine Community, die sie auch heute noch leidenschaftlich unterstützt –, sondern auch den Musikproduzenten Vincent Herbert, der sie sofort unter Vertrag nahm.

Ein wenig später nahm sie als Lady Gaga ihr Debütalbum »The Fame« auf und schaffte damit den großen Sprung in die Öffentlichkeit. Sowohl das Album als auch ihre ersten Singles »Poker Face« und »Just Dance« standen sofort ganz oben in zahlreichen Charts und räumten einen Preis nach dem anderen ab. Auch das Musikvideo zu »Bad Romance« wurde im April 2010 zum erfolgreichsten YouTube-Video ernannt und erhielt bei den MTV Video Music Awards ganze zehn Nominierungen und davon sieben Auszeichnungen. Es folgten drei Welttourneen innerhalb von gerade einmal vier Jahren und auch finanziell sah es für den neuen Star nicht schlecht aus: Allein die zweite Welttournee »The Monster Ball Tour« nahm 227,4 Millionen US-Dollar ein.

Fleisch mit Message

In dieser Zeit fiel sie vor allem durch ihre provokanten Outfits auf. Egal ob Plastik-Blasen, Haare oder Kermit, der Frosch – Lady Gaga bewies schon oft, dass sich wirklich alles als Material für Kleidung verwenden lässt. Das beste Beispiel dafür bildet wohl das Kleid, welches sie bei den MTV Video Music Awards 2010 trug: Statt sich in teure Seide oder Tüll zu hüllen, trat die Sängerin in einem Kleid aus 20 Kilogramm rohem Rindfleisch auf den roten Teppich – inklusive Hut und Handtasche. Der Auftritt erlangte dabei so viel Aufmerksamkeit, dass es vom Time Magazin zum »Fashion Statement 2010« ernannt wurde. Lady Gaga selbst wollte damit auf die Diskriminierung von Homosexuellen aufmerksam machen, wie sie in der Ellen DeGeneres Show erklärte: »Wenn wir nicht für das eintreten, woran wir glauben, und wenn wir nicht für unsere Rechte kämpfen, werden wir bald nur noch so viele Rechte haben wie das Fleisch auf unseren Knochen.« Und auch Jahre später beeindruckt sie immer noch mit ihrem Sinn für Mode – nun weniger provokativ und mit mehr Eleganz: So betitelte das People Magazin sie im Jahr 2021 als »Best Dressed Star«.

Imagewechsel

Doch nicht nur ihre Outfits veränderten sich mit der Zeit, sondern auch ihre Musik. Den Wendepunkt leitete ihr erstes Jazz-Album »Cheek to Cheek« ein – weg von dem provokanten Image und hin zu gefühlvollen Songtexten. Das Album erhielt einen Grammy in der Kategorie »Best Traditional Pop Vocal Album« und auch ihre folgenden Alben ließen immer mehr Seiten von Lady Gaga zum Vorschein kommen. Die erste Oscar-Nominierung ließ nach diesem Wandel nicht lange auf sich warten: Ihr Song »Til It Happens to You« aus dem Dokumentarfilm »Freiwild – Tatort Universität« nahm am Abend der 88. Academy-Award-Verleihung zwar keinen Preis entgegen, jedoch sorgte die Sängerin mit einem Live-Auftritt zusammen mit mehreren Missbrauchsopfern für den wohl emotionalsten Moment der Veranstaltung.

Vielseitig begabt

Neben ihrer beeindruckenden Musik-Karriere kennen viele Menschen Lady Gaga mittlerweile auch als Schauspielerin. Ihre erste Hauptrolle fand sie in der fünften Staffel der Horror-Serie »American Horror Story«: Als blutsaugende »Countess« überzeugte sie von 2015 bis 2016 nicht nur ihre Fans, sondern auch die Golden-Globe-Jury. Den Höhepunkt ihrer bisherigen Schauspiel-Karriere bildete im Oktober 2018 der Film »A Star Is Born«. In einem Interview mit der Los Angeles Times gab sie auch zu, wieso sie sich ihrer Rolle der schüchternen Singer-Songwriterin Ally Campana so verbunden gefühlt hatte: »Wenn meine Figur darüber spricht, wie hässlich sie sich fühlt – das war echt.« Schließlich wurde auch sie selbst unzählige Male auf ihr Aussehen reduziert, sodass ihr sogar zu einer Nasen-OP vor ihrem ersten Musikvideo-Dreh geraten wurde.

Bei »A Star Is Born« lief es jedoch anders: Bradley Cooper, der die Regie und auch die zweite Hauptrolle übernahm, bestand zu Lady Gagas Überraschung darauf, sie komplett ungeschminkt vor der Kamera zu sehen. Die Presse liebte die gezeigte Ehrlichkeit und zudem erhielt die Film-Ballade »Shallow« nicht nur mehrere Grammy Awards, sondern auch einen Oscar für den besten Song.

Auch außerhalb der Filmbranche könnte es nicht besser für die Sängerin laufen: Ihr Song »Die With A Smile«, den sie im Sommer 2024 zusammen mit Bruno Mars aufnahm, brach die Eine-Milliarden-Streams-Marke auf Spotify innerhalb von nur 100 Tagen und wurde Ende 2024 zum am häufigsten auf Social Media geteilten Hit ernannt. Darauf ausruhen will sich die 38-Jährige aber noch lange nicht: Ihr neuestes Album zu dem Ende 2024 erschienenen Song »Desease« soll ihre Erfolgswelle fortführen. Auch hier möchte sich Gaga weiterhin auf ernstere Themen wie ihre eigenen Ängste konzentrieren, sie will jedoch gleichzeitig zu ihren alten Electro-Pop-Wurzeln zurückkehren.

»Eines der Dinge, für die ich in meiner Karriere wahrscheinlich verurteilt worden bin, war, dass ich mich nicht auf eine Sache festgelegt habe. Aber sich nicht auf eine Sache festzulegen, ist meine Lebenskraft«, erklärte die Künstlerin im Gespräch mit der Los Angeles Times. Lady Gaga hat in ihrer langen Laufbahn schon oft bewiesen, wie viel sie kann – sowohl laut als auch leise, sowohl bunt als auch elegant und sowohl singen als auch schauspielern. Eins war jedoch von Anfang an klar: Die Leidenschaft für das, was sie tut, wird bei Stefani Joanne Angelina Germanotta nie zu kurz kommen.

LT

Bild: IMAGO / Pond5 Images (Lumeimages.com)

Dieser Artikel ist ursprünglich in der Printausgabe 2/2025 des ERFOLG Magazins erschienen.
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