Ehrlich gesagt war »Influencerin« nie mein erklärtes Berufsziel. Ich war Studentin und hatte mich nach einer fünfeinhalb-jährigen Beziehung von meinem Freund getrennt. Ich wusste anfangs nicht, wohin mit mir, und auch nicht, wer ich bin. Mit meinem Freund hatte ich damals auch schon Inhalte auf Social Media veröffentlicht, aber durch die Trennung dann sehr viel Abstand zu Social Media gewonnen. Nach der Trennung habe ich versucht, mich neu zu finden: Irgendwie habe ich mir einen Bus finanziert und den ausgebaut. Tagsüber habe ich studiert, danach mit einem Studenten-Nebenjob Geld verdient und in der Nacht den Bus ausgebaut. Es war eine super intensive Zeit.
Als es mit dem Bus losging, dachte ich, ich könnte versuchen, die Reise auf Social Media zu teilen. In erster Linie zum Dokumentieren von der Reise. Die Hoffnung, dass ich »so wie die anderen« – die ich zu dem Zeitpunkt dort gesehen hatte – »vielleicht auch mal dauerhaft reisen könnte« war da, aber ich sah das als total unrealistisch an. Und dann war es so besonders. Denn ich lernte immer mehr, wer ich selbst bin, traute mich, erstmals allein zu reisen, und immer mehr Menschen konnten sich damit identifizieren. Und so wuchs mein Account. Und dann hat mich die Leidenschaft gepackt. Zum einen das Reisen, zum anderen die Kreativität, die damit verbunden ist, und auch der soziale Aspekt von Social Media: Menschen auch im echten Leben darüber kennenzulernen.
Naja, wenn ich so darüber nachdenke, dann war die Anfangsmotivation vielleicht doch der Traum vom Reisen. Verrückt, dass das wirklich in Erfüllung gegangen ist. Seitdem war ich überall auf der Welt und die Reisen wurden und werden immer abenteuerlicher. Wie, als ich 40 Tage mit dem Pferd durch die Mongolei gereist bin.
Ich denke, das muss man untergliedern in die strukturellen und die inhaltlichen Aspekte:
Am Anfang war mir selbst nicht klar, wie umfassend das Thema Social Media ist – vor allem auch in Bezug auf Marketing. Ich war ehrlich gesagt ziemlich überfordert. Plötzlich hatte ich eine große Community, bekam erste Anfragen für Kooperationen, wusste aber gar nicht so richtig, wohin mit mir.
Was viele nicht wissen: Man muss zum Beispiel ein Gewerbe anmelden. Gerade zu Beginn bietet sich oft der Kleinunternehmerstatus an. Dann kommen steuerliche Themen auf einen zu, eventuell auch eine Rechtsschutzversicherung. Man sollte außerdem wissen, wie man mit Produkten umgeht, die einem zugesendet werden – auch diese müssen versteuert werden, etwa anhand einer Vergütungsliste. Und dann steht man irgendwann auch vor Verhandlungen mit Firmen. Bei größeren Accounts übernimmt das später oft ein Management, aber am Anfang regelt man alles selbst.
Ich kann nur empfehlen: Informiert euch frühzeitig, recherchiert gründlich und sucht den Austausch mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das hilft enorm, um sich nicht allein durch diesen komplexen Bereich kämpfen zu müssen.
Und zum Schluss: Man sollte sich nicht zu sehr vergleichen. Inspiration zu finden und Motivation mitzunehmen ist völlig in Ordnung – aber der direkte Vergleich kann einen auch schnell blockieren oder entmutigen. Wichtig ist, dass man sich selbst treu bleibt. Step by step. Für manche ist der Weg leichter, für andere deutlich herausfordernder – aber wenn man dranbleibt, würde ich sagen: Es kann wirklich jeder schaffen.
An erster Stelle steht für mich Authentizität, denn die Leute merken, ob du echt bist oder vorgibst jemand zu sein. Dann braucht es Leidenschaft für das, was man tut und teilt, und eine Fähigkeit zum Storytelling, sowohl visuell als auch textlich. Ansonsten: Kreativität, Durchhaltevermögen und eine gewisse Resilienz sind auch wichtig, denn es läuft nicht immer alles glatt. Ja, es läuft sogar relativ häufig mal gar nicht so, wie man sich das wünscht. Außerdem sollte man natürlich zuverlässig sein und ein gewisses Maß an Organisationstalent mitbringen, oder/und ein gutes Management haben, das einen unterstützt.
Ich denke, wir haben einen großen Einfluss, indem wir den Fokus weg von reinen Pauschalreisen hin zu individuelleren, authentischeren Erlebnissen lenken. Wir können weniger bekannte Orte sichtbarer machen und für nachhaltigere Reiseformen sensibilisieren oder für bestimmte Formen des Reisens Inspiration schaffen. Als ich beispielsweise für zehn Tage im Dschungel Sumatras gelebt habe oder in der Mongolei mit Valli unterwegs war (nur wir, 40 Tage mit 3 Pferden), haben mir auch danach viele Leute geschrieben, dass sie niemals gedacht hätten, dass man auch solche Reisen machen kann. Allgemein werden diese Reisen, die Orte, die Art des Reisens, Vanlife, etc. selbst für Leute zugänglicher, die dachten, das sei nichts für sie. Durch unsere persönlichen Empfehlungen, denen unsere Community vertraut, beeinflussen wir Reiseentscheidungen oft direkter als klassische Werbung. Ich merke das selbst bei kleinen Empfehlungen, wie einer Tauchschule in Koh Tao, als ich danach super viele Nachrichten erhielt, dass die Leute dort extra angereist sind, um das gleiche zu erleben. Genau deswegen ist es aber auch als Influencer so wichtig, verantwortungsbewusst damit umzugehen, welche Reisen und Orte man teilt.
Natürlich lasse ich mich inspirieren, aber weniger von klassischen »Influencern«, sondern eher von Menschen, die ihren eigenen Weg gehen, die mutige Abenteuer erleben oder sich stark für bestimmte Werte einsetzen. Authentizität ist mir wichtiger als Follower-Zahlen, daher suche ich Inspiration eher bei echten Geschichten und Persönlichkeiten, egal ob online oder offline. Das können andere Reisende sein, die ich unterwegs treffe, Abenteurer, Fotografen oder auch enge Freunde, die mich mit ihrer Sichtweise bereichern. Natürlich lass ich mich auch auf Social Media inspirieren. Eine Person, die mich maßgeblich inspiriert und ermutigt hatte, war beispielsweise Valerie Kraus (@journeyious). Ich habe ihre Reisen auf Social Media bereits verfolgt, als wir uns dann connected haben. So entstand dann beispielsweise auch die Reise in die Mongolei, die wir später gemeinsam machten. Für mich ist sie der Inbegriff einer mutigen Frau.
Kritik gehört dazu, wenn man sich online zeigt, und ist auch wichtig. Ich versuche zu unterscheiden: Ist es konstruktives Feedback, aus dem ich lernen kann? Das nehme ich durchaus ernst und frage auch regelmäßig in meiner Community danach. Oder ist es einfach nur unqualifizierte Negativität? Das versuche ich, nicht zu nah an mich heranzulassen, auch wenn das nicht immer leicht ist. Mir hilft es, mich auf meine positive Community und die Menschen zu konzentrieren, die meine Arbeit schätzen. Wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben und zu wissen, warum man das tut, was man tut. Ein gutes Support-Netzwerk aus Freunden und Familie ist dabei natürlich auch Gold wert.
Bild: Paulina Zoudlik