Nach dem Abitur habe ich mir Gedanken gemacht, was ich beruflich werden will. Es war klar, dass ich in irgendeiner Form etwas für die Gesellschaft machen wollte, speziell für Jugendliche und jüngere Erwachsene. Zunächst dachte ich daran, Schriftsteller zu werden – aber verwarf den Plan, da Bücher meiner Meinung nach nicht mehr so ein Medium mit viel gesellschaftlichem Impact sind wie zur Zeit von »Catcher in the Rye«. Aus diesem Grund wurde ich Rapper.
Ja, ich habe auch, seitdem ich 20 war, in dem Bereich gearbeitet und tue es nach wie vor. Ich mache systemische Beratung mit einem produktbasierten Betrachtungsmodell. Das ist aber eine eher verschwiegene Arbeit, während mich die meisten als Musiker kennen. Vielleicht kann man sagen, dass ich beruflich einen introvertierten und extrovertierten Teil habe.
Erfolg als Musiker ist für mich persönlich nachhaltiger Einfluss auf das Leben von Menschen. Wenn du einen Menschen prägst, ihm vielleicht eine Stütze in einer schweren Zeit sein kannst, wenn du die Komplexität bestimmter Problemphasen in Songs greifbarer und verarbeitbarer machen kannst – dann hast du meiner Definition nach Erfolg und damit auch Relevanz. Natürlich musst du eine bestimmte Anzahl an Menschen erreichen, die bereit sind, für deinen Beitrag zu ihrem Leben auch Geld zu zahlen – sonst kannst du es dir nicht leisten, es sei denn, du bist Privatier. Auf der anderen Seite gibt es definitiv wirtschaftlich extrem erfolgreiche Musik, die schnell konsumiert und auch wieder schnell vergessen wird; sowas nehme ich wahr, aber mir nicht zum Vorbild.
Nur wenn man interessante Gedanken hat, seine Geschichten gut erzählen kann und etwas von Relevanz für seine Hörer und Hörerinnen zu sagen hat, werden sie einem immer wieder zuhören. Ich war nie beliebt wegen meiner Stimme, meinem Aussehen oder meinen Fertigkeiten als Entertainer. Ich verkaufe meine Gedanken, meine Analysen kleiner oder großer persönlicher und gesellschaftlicher Prozesse.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der nahezu jeder Kritiker ist. Heutzutage ist »Kritik üben« oft synonym mit »Recht haben«. In den normalen Medien, aber auch den sozialen Medien, will jeder Recht haben, derjenige sein, der alles besser weiß, andere belehrt, dessen Weltsicht – egal wie die auch ist – die einzig richtige ist. Solche Kritik halte ich für irrelevant. Künstler müssen von ihrer spezifischen Art Kunst zu machen überzeugt sein, sonst hätten sie nicht die Stärke, konsistent zu arbeiten. Das gilt besonders für die Künstler, deren Kunst nicht einem gesellschaftlichen Mainstream-Konsens entspricht.
Daneben gibt es Kritik von Menschen, die relevant ist, weil sie Fachwissen haben. Wenn mir jemand, der für die jeweilige Sache Fachmann oder Fachfrau ist, einen Verbesserungsvorschlag gibt, dann ist das Gold wert und hilft einem, als Künstler und Mensch zu wachsen.
Beitragsbild: IMAGO / Martin Müller