Hormone beeinflussen weit mehr als unseren Zyklus: Sie wirken auf Schlaf, Stimmung, Stoffwechsel, Energie und Leistungsfähigkeit. Trotzdem werden Beschwerden gerade bei Frauen noch immer häufig als »normal« abgetan oder erst spät ernst genommen. In seinem neuen Buch »Dein Körper spricht hormonisch« zeigt Dr. med. Konstantin Wagner, warum wir die Signale unseres Körpers besser verstehen sollten und wie wir unsere Gesundheit aktiv beeinflussen können. Im Interview spricht er über hormonelle Gesundheit, die Wechseljahre und darüber, warum Selbstbestimmung beim eigenen Körper beginnt.
Ihr neues Buch trägt den Titel »Dein Körper spricht hormonisch«. Viele Menschen funktionieren im Alltag einfach weiter, obwohl ihr Körper längst Signale sendet. Warum ist es für unsere Leistungsfähigkeit und unser Wohlbefinden entscheidend, diese Signale ernst zu nehmen?
Weil wir viel zu lange nicht hingehört haben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Durchhalten oft als Stärke gilt. Man schleppt sich mit Menstruationsbeschwerden zur Arbeit, kommt erkältet ins Meeting – und psychische Erschöpfung gilt schnell als Versagen. »Das wird schon wieder.«
Dabei ist unser Körper viel klüger als unser Kopf. Irgendwann geht nichts mehr, weil wir zu lange nicht hingehört haben. Genau deshalb heißt mein Buch »Dein Körper spricht hormonisch«.
Hormone sind eine Art Sprache unseres Körpers. Sie beeinflussen fast jedes Organ und können sich auf ganz unterschiedliche Weise bemerkbar machen: durch Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme, Verdauungsbeschwerden, Gewichtsveränderungen oder Konzentrationsprobleme. Wenn wir diese Signale dauerhaft ignorieren, behandeln wir irgendwann nicht mehr die Ursache, sondern nur noch die Symptome. Diese reaktive Medizin halte ich für keine gute Medizin.
Erfolg wird häufig mit Disziplin, Durchhaltevermögen und mentaler Stärke verbunden. Welche Rolle spielt dabei aus Ihrer Sicht ein gut verstandener und gut regulierter Körper?
Ich glaube, wir überschätzen häufig den Einfluss von Willenskraft und unterschätzen den Einfluss unserer Biologie. Natürlich sind Disziplin und Motivation wichtig. Aber wenn jemand chronisch schlecht schläft, erschöpft aufwacht und dauerhaft unter Stress steht, kann auch die beste Kompensation nicht unbegrenzt funktionieren. Irgendwann kommt der Crash.
Ein gesunder Körper sollte kein Luxus sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Denn Gesundheit ist die Grundlage für Leistungsfähigkeit. Wer seinen Körper, seine Hormone, seinen Schlaf, seinen Stoffwechsel und seine Energie versteht, kann bessere Entscheidungen treffen – und hat langfristig deutlich mehr Ressourcen.
Sie zeigen in Ihrem Buch, dass Hormone weit mehr beeinflussen als nur den Zyklus – von Schlaf und Energie über Stimmung bis hin zu Konzentration und Stoffwechsel. Warum ist hormonelles Wissen ein wichtiger Baustein für ein selbstbestimmtes Leben?
Weil Wissen hilft, sich selbst besser zu verstehen und zu akzeptieren. Es ermöglicht uns, Veränderungen nicht nur passiv zu erleben, sondern sie bewusst wahrzunehmen und, wenn nötig, etwas anzupassen.
Viele Frauen erleben Beschwerden wie Erschöpfung, Brain Fog, Herzrasen oder Stimmungsschwankungen fast nebenbei – zusätzlich zu Mental Load, Alltag und Beruf. Der erste Impuls ist oft: Ich muss einfach weitermachen, noch besser funktionieren. Statt innezuhalten und sich zu fragen, was hinter diesen Veränderungen steckt und wie sie sich biologisch erklären lassen.
Wer versteht, wie Hormone den eigenen Körper beeinflussen, kann Symptome besser einordnen, bewusstere Entscheidungen treffen und sich gezielter Unterstützung holen. Genau das bedeutet für mich Selbstbestimmung: den eigenen Körper zu verstehen, statt sich ihm hilflos ausgeliefert zu fühlen.
Sie sprechen in Ihrem Buch auch über Medical Gaslighting. Warum werden die Beschwerden von Frauen im medizinischen Alltag noch immer häufig unterschätzt oder nicht ernst genommen – und was muss sich ändern?
Ich glaube fest daran, dass wir unseren Beruf alle gerne machen und die wenigsten Ärztinnen und Ärzte Beschwerden bewusst herunterspielen. Ein Problem ist vielmehr die eigene Ohnmacht: Diese Themen werden im Studium und in der Weiterbildung oft nur unzureichend vermittelt, gleichzeitig fehlt im Praxisalltag die Zeit. Dazu kommen wirtschaftlicher Druck und die Tatsache, dass für eine ausführliche hormonelle Beratung, geschweige denn eine entsprechende Diagnostik, häufig weder ein angemessenes Honorar noch das notwendige Budget vorgesehen ist.
Viel bleibt da nicht. Aber was uns immer bleiben sollte, ist unsere Menschlichkeit: zuzuhören, Verständnis zu zeigen und die Bereitschaft, wirklich helfen zu wollen.
Erschöpfung, Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen, Zyklusunregelmäßigkeiten oder Schmerzen – all das begegnet uns in der gynäkologischen Praxis täglich. Deshalb brauchen wir mehr Forschung zur Frauengesundheit, mehr Zeit für Gespräche und vor allem die Bereitschaft, Beschwerden ernst zu nehmen. Frauen kennen ihren Körper meist sehr gut. Wenn sie sagen, dass etwas nicht stimmt, sollten wir genau hinhören.
Die Wechseljahre werden gesellschaftlich oft als eine Phase des Verlusts betrachtet. Warum sollten wir diese Lebensphase neu bewerten – und welche Chancen können darin liegen?
Ich würde mir wünschen, dass wir die Wechseljahre endlich genauso selbstverständlich betrachten wie die Pubertät. Beides sind hormonelle Umbruchphasen. Bei der einen wird man »erwachsen«, bei der anderen »alt«? Das finde ich nicht.
Natürlich verändert sich etwas – und ja, die Wechseljahre können belastend sein. Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Gelenkbeschwerden sind für viele Frauen eine echte Einschränkung. Hier müssen wir helfen.
Gleichzeitig erleben viele Frauen diese Lebensphase auch als Neuanfang: Die Kinder werden selbstständiger, beruflich entsteht oft mehr Freiheit und viele beginnen, sich erstmals ganz bewusst um die eigene Gesundheit zu kümmern.
Mit dem Wissen und den therapeutischen Möglichkeiten, die wir heute haben, müssen Frauen Beschwerden in den Wechseljahren nicht einfach hinnehmen oder aushalten.
Stress, Schlafmangel und Ernährung beeinflussen unser Hormonsystem maßgeblich. Welche Gewohnheiten haben aus Ihrer Sicht den größten Hebel, wenn Menschen ihre Energie und Gesundheit nachhaltig verbessern möchten?
Unsere Medizin hat jahrzehntelang so funktioniert: Wir suchen nach der einen Wunderpille. Tatsächlich liegen die größten Hebel oft in den einfachen Dingen.
Viel Bewegung – insbesondere Krafttraining –, eine protein- und ballaststoffreiche Ernährung sowie ein möglichst stabiler Blutzucker haben einen enormen Einfluss auf unseren Stoffwechsel und unsere Hormone.
Hormonelle Gesundheit entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch viele kleine, gute Entscheidungen im Alltag. Kleine Veränderungen, die sich dauerhaft umsetzen lassen, bewirken langfristig oft mehr als jede kurzfristige Diät oder jeder Gesundheitstrend.
Sie erreichen mit Ihrer Arbeit und auf den sozialen Medien Hunderttausende Menschen. Warum glauben Sie, wächst gerade jetzt das Bedürfnis nach mehr Wissen über den eigenen Körper und nach einer neuen Form von Gesundheitskompetenz?
Ich glaube, viele Menschen möchten heute nicht mehr nur gesagt bekommen, was sie tun sollen. Sie möchten verstehen, warum etwas passiert.
Gerade Frauen haben häufig erlebt, dass ihre Beschwerden bagatellisiert wurden oder sie von Arzt zu Arzt geschickt wurden, ohne eine zufriedenstellende Erklärung zu bekommen. »Die Pille« hat viele Jahre vieles scheinbar geregelt – heute wird stärker hinterfragt und genauer hingeschaut.
Gleichzeitig schaffen soziale Medien neue Möglichkeiten, medizinisches Wissen verständlich und niedrigschwellig zugänglich zu machen. Das ist eine große Chance, bringt aber auch Verantwortung mit sich. Denn nicht alles, was online erzählt wird, ist wissenschaftlich fundiert.
Deshalb versuche ich, komplexe medizinische Zusammenhänge verständlich zu erklären, ohne sie zu vereinfachen oder falsche Hoffnungen zu wecken.
Warum ist ein tiefes Verständnis für den eigenen Körper aus Ihrer Sicht eine Grundlage für nachhaltigen Erfolg – im Beruf wie im Leben?
Weil unser Körper die Grundlage für alles ist, was wir tun. Wir können die beste Ausbildung haben, hochmotiviert sein und die spannendsten Ideen entwickeln – wenn unser Körper dauerhaft im Alarmzustand ist, wir schlecht schlafen oder uns die Energie fehlt, können wir unser Potenzial nicht voll ausschöpfen.
Wer seinen Körper versteht, trifft bessere Entscheidungen, erkennt Warnsignale früher und schafft die Grundlage dafür, langfristig leistungsfähig, zufrieden und gesund zu bleiben.
Genau darum geht es in meinem Buch: den eigenen Körper nicht erst dann zu beachten, wenn etwas nicht mehr funktioniert, sondern ihn so gut kennenzulernen, dass wir Gesundheit aktiv gestalten können.
Über unseren Gesprächspartner:
Dr. med. Konstantin Wagner ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und Medizin-Influencer aus Kassel. Auf YouTube und Instagram vermittelt er medizinisches Wissen verständlich und unterhaltsam.