Einstellung

Die gefährlichste Gewohnheit erfolgreicher Menschen ist ihre Erfahrung

Eine Kolumne von Madlen Haß

3 Min.

04.08.2026

Erfahrung genießt einen hervorragenden Ruf. Wer viel Erfahrung hat, gilt als kompetent, verlässlich und entscheidungsstark. Dafür gibt es gute Gründe. Erfahrung entsteht nicht durch Theorie, sondern durch Verantwortung. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen, Erfolgen und Rückschlägen. Gerade deshalb sprechen wir so selten über ihre Schattenseite.

Erfahrung beantwortet vor allem eine Frage: Was hat bisher funktioniert? Genau darin liegt ihre Stärke. Gleichzeitig beginnt hier ihre Grenze, da sich die Welt nicht nach den Regeln unserer Vergangenheit verändert. Märkte entwickeln sich weiter, Kunden verändern ihre Erwartungen und neue Technologien stellen Gewissheiten infrage. Trotzdem vertrauen wir oft genau den Denkmustern, die uns einmal erfolgreich gemacht haben. Je häufiger eine Entscheidung richtig war, desto selbstverständlicher erscheint sie. Irgendwann hören wir auf, sie zu überprüfen.

Kinder begegnen der Welt mit einer Freiheit, die Erwachsene im Laufe ihres Lebens häufig verlieren. Sie haben keine erfolgreichen Projekte im Rücken und keine Routinen, die ihnen sagen, wie etwas zu sein hat. Stattdessen beginnen sie mit Fragen: »Warum eigentlich?«, »Wer sagt das?« oder »Geht das auch anders?«. Was auf Erwachsene manchmal naiv wirkt, ist in Wahrheit eine besondere Form der Offenheit. Kinder verteidigen ihre bisherigen Antworten nicht. Sie suchen nach neuen.

Unternehmen investieren viel Geld in Wissen. Das ist sinnvoll. Wissen schafft Orientierung und reduziert Unsicherheit. Problematisch wird es erst, wenn Wissen keine Fragen mehr zulässt. Dann verwandelt sich Erfahrung unbemerkt in Gewissheit. Aus Urteilskraft wird Routine und aus Offenheit wird Überzeugung. Genau in diesem Moment verliert Erfahrung ihre größte Stärke: es ist die Fähigkeit, sich selbst zu korrigieren.

Ein Unternehmer mit dreißig Jahren Erfahrung kann sehr überzeugend erklären, warum eine Idee nicht funktionieren wird. Ein Kind würde wahrscheinlich nur fragen: »Warum probieren wir es nicht?« Es behauptet nicht, die bessere Antwort zu kennen. Es erinnert uns daran, dass jede gute Antwort einmal mit einer Frage begonnen hat.

Erfahrung bleibt unverzichtbar und Kinderlogik stellt sie auch nicht infrage. Sie erweitert sie um eine Fähigkeit, die zunehmend wichtiger wird. Es ist der Mut, auch die eigenen Gewissheiten regelmäßig zu überprüfen. Erfahrung erklärt die Vergangenheit und Urteilskraft entscheidet, ob sie noch zur Gegenwart passt.

Eine Frage, die Kinderlogik stellt: Welche Ihrer Überzeugungen beruht auf Erfahrung und welche haben Sie zuletzt bewusst noch einmal überprüft?

Die Autorin:

Madlen Haß ist Unternehmerin, Pädagogin und Autorin. Sie gründete die Bildungseinrichtung »Schlausitz« und führt sie heute als Geschäftsführerin.

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