Michael Dell hat Jeff Bezos überholt. Bemerkenswert ist dabei weniger die Rangliste als der Weg dorthin. Vor gut einem Jahrzehnt galt Dells Geschäftsmodell vielen als Auslaufmodell. Der PC-Markt schrumpfte, Smartphones und Tablets veränderten die Branche, der Aktienkurs enttäuschte. Michael Dell zog sein eigenes Unternehmen von der Börse und wettete Milliarden darauf, dass es eine zweite Zukunft geben würde. Heute heißt diese Zukunft künstliche Intelligenz.
Erstmals vor Jeff Bezos
Am Dienstag stieg das von Forbes geschätzte Vermögen Michael Dells um 4,6 Milliarden auf 267,7 Milliarden Dollar. Damit zog der 61-Jährige erstmals an Amazon-Gründer Jeff Bezos vorbei, dessen Vermögen nach einem Kursrückgang der Amazon-Aktie mit 265,2 Milliarden Dollar angegeben wurde. Auf Platz zwei lag Larry Page mit 277,9 Milliarden Dollar, weit davor Elon Musk mit 942 Milliarden Dollar. Solche Echtzeit-Rankings verändern sich mit den Aktienkursen täglich – für Dell ist Platz drei trotzdem eine Premiere.
Der Grund liegt unmittelbar an der Börse. Dell Technologies schloss am Dienstag mit 533,88 Dollar auf einem Rekordhoch. Seit Jahresbeginn ist die Aktie laut Forbes um rund 327 Prozent gestiegen. Michael Dell hält ungefähr 40 Prozent am Unternehmen, weshalb jede größere Kursbewegung unmittelbar auf sein Vermögen durchschlägt. Noch vor einem Jahr hatte Forbes seinen Reichtum mit rund 129 Milliarden Dollar beziffert.
Aber diese Zahlen erzählen nur den letzten Teil einer erheblich längeren Geschichte.
Der Computer aus dem Studentenwohnheim
Dell gehört zur klassischen Generation amerikanischer Garagengründer – nur dass seine Geschichte nicht in einer Garage, sondern in einem Studentenwohnheim begann. Mit 19 Jahren verkaufte Michael Dell selbst zusammengestellte Computer aus seinem Zimmer an der University of Texas. Bereits im ersten Studienjahr setzte er damit rund 80.000 Dollar um. 1984 gründete er das Unternehmen, das später seinen Namen tragen sollte.
Das Geschäftsmodell war damals ebenso einfach wie revolutionär: Computer wurden direkt an die Kunden verkauft und individuell konfiguriert. Dell verzichtete weitgehend auf Zwischenhändler, hielt Lagerbestände niedrig und konnte neue Komponenten schneller in seine Rechner integrieren als viele Konkurrenten.
Das Unternehmen wuchs rasant. Dell wurde zeitweise zum weltweit größten PC-Hersteller und Michael Dell zu einem der bekanntesten Technologieunternehmer seiner Generation.
Dann veränderte sich der Markt.
2013 sah die Zukunft plötzlich ziemlich düster aus
Smartphones und Tablets übernahmen immer mehr Aufgaben klassischer Computer. Der weltweite PC-Markt geriet unter erheblichen Druck. Dell selbst hatte gleichzeitig Schwierigkeiten, außerhalb seines angestammten Geschäfts ausreichend große neue Wachstumssäulen aufzubauen.
2013 bezeichnete Forbes Dell als einen kämpfenden PC-Hersteller. Blackstone zog sich damals sogar aus einem möglichen Übernahmeangebot zurück und begründete dies unter anderem mit dem historisch starken Rückgang des PC-Marktes und einem sich »rasch verschlechternden Finanzprofil« des Unternehmens. Dell hatte seine eigene operative Ergebnisprognose für das Jahr bereits von 3,7 auf drei Milliarden Dollar gesenkt.
Auch Dell selbst machte gegenüber Investoren keinen Hehl aus dem Problem. In Unterlagen zur geplanten Privatisierung hieß es, die Transformation des Unternehmens sei für seine Zukunft »entscheidend«. Das PC-Geschäft stehe durch Cloud Computing, Smartphones und Tablets sowie aggressive Billigkonkurrenz massiv unter Druck. Zu diesem Zeitpunkt erzielte Dell noch immer den überwiegenden Teil seines Geschäfts mit einem Markt, dessen langfristige Perspektive zunehmend infrage stand.
Michael Dell entschied sich deshalb für einen ungewöhnlichen Weg:
Er verschwand mit seinem Unternehmen von der Börse.
Michael Dell wettete Milliarden auf sich selbst
Gemeinsam mit dem Finanzinvestor Silver Lake kaufte Dell 2013 den Konzern für rund 25 Milliarden Dollar zurück. Es war damals eine der größten fremdfinanzierten Übernahmen eines Technologieunternehmens. Der Gründer selbst setzte Milliarden seines eigenen Vermögens ein.
Der Schritt war umstritten und mündete in einen erbitterten Streit mit dem aktivistischen Investor Carl Icahn. Doch für Michael Dell hatte die Privatisierung einen entscheidenden Vorteil: Er musste den Umbau des Unternehmens nicht mehr Quartal für Quartal gegenüber der Börse rechtfertigen.
Dell sollte sich vom PC-Hersteller zum umfassenden Anbieter von Unternehmens-IT entwickeln.
Drei Jahre später folgte die nächste Wette – und sie war noch größer.
2016 übernahm Dell den Speicherspezialisten EMC. Bei der Ankündigung wurde die Transaktion mit rund 67 Milliarden Dollar bewertet und gehörte damit zu den größten Technologieübernahmen überhaupt. Aus Dell und EMC entstand Dell Technologies, ein Konzern mit Servern, Speichertechnik, Unternehmenssoftware und Infrastrukturgeschäft.
2018 kehrte Dell Technologies schließlich an die Börse zurück.
Dann kam die KI – und Dell hatte plötzlich genau das richtige Geschäft
Die Ironie dieser Geschichte liegt darin, dass der nächste große Technologiesprung ausgerechnet einem Unternehmen hilft, dessen klassisches Hardwaregeschäft zuvor als überholt galt.
Künstliche Intelligenz braucht enorme Mengen physischer Infrastruktur: Hochleistungsprozessoren, Server, Speicher, Netzwerktechnik und komplette Rechenzentren. Nvidia produziert die Chips – Unternehmen wie Dell bauen daraus Systeme, die Kunden tatsächlich einsetzen können. Und dieses Geschäft explodiert derzeit.
Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres erzielte Dell einen Rekordumsatz von 47 Milliarden Dollar, 58 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg um 203 Prozent auf 7,04 Dollar. Allein mit KI-Servern setzte Dell im Quartal 16,4 Milliarden Dollar um. Die Auftragseingänge für diese Systeme erreichten rekordhohe 60,9 Milliarden Dollar, der Auftragsbestand 95 Milliarden Dollar.
Das Unternehmen hob daraufhin seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr von 167 auf 192 Milliarden Dollar an. Dell gehört damit plötzlich zu den sichtbarsten Profiteuren des globalen KI-Infrastrukturbooms.
Vom PC-Verkäufer zum Schaufelhersteller des KI-Goldrauschs
Michael Dell muss dabei nicht wissen, welches Sprachmodell langfristig gewinnt. Ob OpenAI, Anthropic oder ein künftiger Konkurrent die wichtigste KI-Plattform baut, ist für sein Geschäft nur bedingt entscheidend.
Alle brauchen Rechenleistung und darin steckt eine Parallele zu einer der ältesten Geschäftsideen in Boomphasen: Während alle nach Gold suchen, verkauft jemand Schaufeln.
Dell verkauft inzwischen einige der teuersten Schaufeln des KI-Zeitalters.
Dass die Strategie aufgeht, zeigt nicht nur der Aktienkurs. Dell berichtet inzwischen von 6.500 KI-Kunden, gegenüber 5.000 nur ein Quartal zuvor. Gleichzeitig wächst auch das traditionelle Servergeschäft kräftig. Das Unternehmen war nach eigenen Angaben zudem der erste Anbieter, der komplette Rack-Systeme auf Basis von Nvidias neuer Vera-Rubin-Plattform ausgeliefert hat.
Platz drei ist gar nicht so relevant
Reichenlisten sind Momentaufnahmen. Schon ein kräftiger Handelstag bei Amazon oder Dell kann Bezos und Dell wieder die Plätze tauschen lassen.
Die bemerkenswertere Zahl liegt im Vergleich mit 2013.
Damals schätzte Forbes Michael Dells Vermögen auf rund 15 Milliarden Dollar. Er rang um die Zukunft eines Unternehmens, dessen wichtigster Markt strukturell schrumpfte. Heute beträgt sein Vermögen nach derselben Forbes-Systematik fast 268 Milliarden Dollar.
Dazwischen lagen keine neue Unternehmensgründung und kein vollständiger Abschied vom alten Geschäft.
Dell tat etwas Schwierigeres: Er baute ein bereits riesiges Unternehmen um, während dessen ursprüngliches Erfolgsmodell unter Druck geriet.
Er nahm es von der Börse, verschuldete sich für eine historische Übernahme, kehrte Jahre später zurück – und positionierte den Konzern schließlich genau dort, wo der nächste große Technologiezyklus enorme Mengen Hardware benötigt.
Damit ist Michael Dells Aufstieg vor Jeff Bezos mehr als eine weitere Meldung aus der absurden Welt der Milliardärsrankings. Er erzählt von einem Unternehmer, der seinen größten Erfolg nicht damit erzielte, dass seine erste Idee ewig funktionierte. Sondern damit, dass er rechtzeitig akzeptierte, dass sie es nicht tun würde.
Stefanie S. Klief