Pferde als Lügendetektor
Ein Pferd ist wie ein lebendiger Lügendetektor auf vier Beinen - gnadenlos ehrlich. Wer mit Pferden arbeitet, erlebt immer wieder dasselbe Phänomen: Das Pferd reagiert nicht nur auf Worte oder Körpersprache – sondern auf innere Haltung, Emotionen und Unstimmigkeiten. Menschen nennen das oft „Spiegeln“. Geht man gestresst in den Stall, versucht aber Ruhe auszustrahlen, wird man vom Pferd entlarvt: Es verweigert sich oder ist genauso unkonzentriert wie wir. Möchte man mit dem Pferd unbedingt zu Punkt A, ist aber innerlich abgelenkt und denkt an etwas anderes, bleibt es vielleicht stehen oder zögert. Es spürt das Innere im Menschen.
Auch Menschen spüren Unstimmigkeiten
Für Führungskräfte, für Selbständige, für Kolleg/innen und Mitarbeitende liegt genau hierin die spannende Erkenntnis für den Alltag: Menschen nehmen unser Inneres ebenfalls wahr! Menschen haben, bevor es Sprache gab, genau diese Fähigkeit gebraucht, um andere einzuschätzen – Freund oder Feind? Ehrlich oder hinterlistig? Menschen zeigen es nur oft nicht so deutlich wie Pferde – aber sie spüren mehr, als wir vermuten.
Das Unsichtbare bleibt nicht unsichtbar – Es zu verstecken, bringt nichts
Eine Führungskraft betritt den Raum und sagt souverän: »Alles unter Kontrolle.«
Doch das Team wird nervös, zurückhaltend oder angespannt. Warum? Weil Menschen feine Signale wahrnehmen. Mikroreaktionen. Spannung. Unsicherheit. Stress. Innere Konflikte. Unsicherheit. Auch dann, wenn niemand offen darüber spricht.
Menschen nehmen unglaublich viel wahr. Sie spüren Unstimmigkeiten und machen sich dazu ihre Gedanken. Sie sagen es nur selten direkt.
Pferde dagegen reagieren sofort. Ohne Höflichkeitsfilter. Ohne Büropolitik. Ohne »Ich sage lieber nichts« oder „»ch warte bis zum nächsten Feedbackgespräch«. Weil Pferde nicht nur auf Worte reagieren, sondern auf das Gesamtpaket: Körpersprache, Spannung, Energie, innere Haltung.
So entsteht Widerstand
Menschen tun im Grunde dasselbe. Menschen gehen in den Widerstand, wenn sie Unstimmigkeiten spüren. Eine Führungskraft kann noch so motivierende Worte sprechen – wenn sie innerlich unsicher ist, spürt das Team es trotzdem. Wenn eine Teamleiterin das Team lobt, es aber nicht ehrlich so meint, spürt das Team und glaubt ihr nicht. Eine gestresste Führungskraft erzeugt häufig ein gestresstes Team.
Beispiel: Eine Kundin fühlt sich unwohl und geht in den Widerstand, wenn sie merkt, dass der Versicherungsmakler nur am Produktverkauf und nicht an der Kundin interessiert ist, er unter Druck steht, seine Stimme gepresster ist und die Gesichtsmuskulatur angespannt ist.
Oder die Teamleiterin sagt im Meeting: »Alles entspannt, das Gerücht des Umzugs ins Ausland ist nur ein Gerücht.« Doch gleichzeitig spricht sie schneller als sonst, wirkt angespannt, vermeidet Augenkontakt. Das Team reagiert sofort: Mitarbeiter werden unruhig, die Stimmung wird gereizter, Angst geht um. Und die Teamleiterin wundert sich.
Das ist Spiegelung.
Pferde machen sichtbar, was Menschen verschweigen
Mit Pferden im Coaching kann man überprüfen, wie das eigene Innere und Äußere übereinstimmt. Denn Pferde haben keinen Höflichkeitsfilter. Sie reagieren unmittelbar. Wenn ein Mensch innerlich klar ist und sich sicher fühlt, entsteht oft Ruhe und Verbindung – das Pferd kommt entspannt mit. Wenn jemand innerlich im Konflikt ist, oder gedanklich nicht bei der Sache ist, oder sich stärker zeigen will als er sich fühlt, oder sich unsicher fühlt oder das Ziel nicht klar vor Augen hat, stockt das Pferd. Am Pferd kann man so Kompetenzen abprüfen und üben, wie Zielfokussierung, Empathie, Stress Resilienz, Verbindung, Mut, Klarheit, Entscheidungsfähigkeit, um nur einige zu nennen. Man kann die Antreiber ermitteln, die einem im Weg stehen, wie Perfektionismus, Micromanaging oder Harmoniebedürfnis.
Das macht die Arbeit mit Pferden so wertvoll für Führungskräfte, Selbständige, Vertriebler und Teams. Denn plötzlich wird sichtbar, woran es liegen kann, wenn der Erfolg ausbleibt.
Führung beginnt innen
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus der Arbeit mit Pferden lautet deshalb: Unser Inneres bleibt niemals ohne Wirkung. Unsere Gedanken, Spannungen und Gefühle beeinflussen andere Menschen – ob wir wollen oder nicht. Dies sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir mal wieder versuchen, uns zu verstellen.
Das bedeutet nicht, dass wir perfekt sein müssen. Pferde erwarten keine Perfektion. Menschen übrigens auch nicht. Aber Klarheit, Echtheit und innere Stimmigkeit machen einen gewaltigen Unterschied. Denn Menschen folgen selten nur Worten. Sie folgen dem, was sie zwischen den Zeilen spüren. Pferde hingegen erinnern uns jeden Tag daran, wie sichtbar unser Inneres wirklich ist.
Und vielleicht, nur vielleicht, war deshalb die Königin von England so glücklich mit ihren Pferden – denn hier durfte sie unverfälscht sein, authentisch und sie selbst.
Anabel Schröder ist seit 20 Jahren Expertin für die Ausbildung von Coaches, die mit Pferden arbeiten. Als Autorin mehrerer Bücher, international zertifizierter Coach (ICF) und zertifizierte Mediatorin, geprüfte psychologische Beraterin und Diplom-Kauffrau (Universität Passau) und ihrem pferdegestützten Bildungszentrum EQzellent® verbindet sie fundiertes psychologisches Know-how mit praxisnaher, erlebbarer Persönlichkeitsentwicklung.