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Verstehen, verbinden, wachsen: Beziehungs-Skills lassen sich trainieren

Nur 350.000 Eheschließungen im Jahr 2024 – ein historischer Tiefstand. Und dies ausgerechnet zu einer Zeit, in der das Interesse an psychologischem Verständnis und konfliktfreier Kommunikation so groß scheint, wie nie zuvor. Wie das zusammenpasst, haben wir die Psychologin Linda-Marlen Leinweber gefragt. Auf Social Media vermittelt sie ihren über 240.000 Followern regelmäßig die Basics der Beziehungsarbeit – jetzt hat sie ein Buch über dieses Thema geschrieben. Wie es gelingen kann, gesunde Beziehungen von toxischen zu unterscheiden und alte Muster zu durchbrechen, hat sie uns im Interview verraten.

Linda, du bist Psychologin, Influencerin, Speakerin und Coach – und du hast ein Buch geschrieben. Worum geht es dabei und an wen richtet es sich?

Das Buch richtet sich an alle, die sich selbst in einer Beziehung besser verstehen wollen – die für sich die Frage beantwortet wissen wollen, warum sie so ticken, wie sie ticken und welche Muster es dabei zu hinterfragen und aufzubrechen gilt. Der erste Teil des Buchs ist dabei ein Rückblick auf die Entwicklungspsychologie. Wir schauen uns die ersten Lebensphasen an, die prägend dafür sind, welchen Bindungsstil wir aufbauen werden.

Im zweiten Teil geht es darum, an der eigenen Dynamik anzusetzen. Das heißt, gesünder zu streiten, besser zu kommunizieren und mit herausfordernden Situationen anders umzugehen. Ganz gleich, ob es dabei um Themen wie Eifersucht oder Veränderungen in der Familienstruktur geht – ich finde, man kann das Buch quasi in jeder Lebenslage aufschlagen.

Das Interesse an Psychologie scheint derzeit hoch zu sein – besonders auf Social Media. Wie erklärst du dir das? Führt mehr Wissen tatsächlich zu einem größeren Verständnis?

Ich glaube schon, dass Social Media zu einem besseren Bewusstsein führt – für sich selbst und für das eigene Verhalten, aber das heißt noch nicht, dass damit auch eine Veränderung in Gang gesetzt wird. Für mich sind aber Verständnis und Selbstakzeptanz ganz wichtige Schritte auf dem Weg dorthin. Trotzdem möchte ich natürlich danach in die Umsetzung kommen, damit ich mich selbst besser fühle oder, damit sich eine Beziehungsdynamik besser anfühlt. 

Ist die Folge nicht eine konstante Selbstoptimierung oder gibt es einen Punkt, an dem man von sich behaupten kann, eine erfolgreiche Beziehung zu führen?

Ich achte bei solchen Fragen immer auf das eigene Nervensystem. Wenn man nämlich merkt, dass man sich insgesamt wohlfühlt, gut schlafen kann, einen gesunden Appetit hat und seine Freunde weiterhin trifft, dann sind das Zeichen für eine gesunde Beziehung. Aber es gibt eben auch das Gegenteil – nämlich Beziehungen, bei denen sich die eigenen Gedanken ständig nur um den Partner oder die Partnerin drehen, weil es so viel Drama gibt, sodass einem sogar der Schlaf geraubt wird.

Aber das Weiterwachsen ist ein lebenslanger Prozess. Ich glaube, eine Beziehung verändert sich ein ganzes Leben lang. Und natürlich handelt mein Buch auch davon, was ich selbst schon erlebt habe. Ich bin jetzt 37 und weiß, wie es ist, zu daten. Ich kenne auch die Situationships und unverbindliche Beziehungen aus meinen Zwanzigern gut. Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, vom Paar zu Familie zu werden. Vielleicht würde ich das Buch in fünf oder zehn Jahren nochmal ganz anders aufbauen, weil neue Themen dazugekommen sind. Solche Entwicklungen sind ja auch das Spannende und Schöne an Beziehungen –gleichzeitig aber auch das Herausfordernde.

In fast jedem Bereich gibt es Naturtalente. Gilt das auch für Beziehungen? Warum fällt es manchen Menschen leichter als anderen, stabile Partnerschaften einzugehen?

Das hängt sehr davon ab, was für einen Bindungsstil man hat. Wenn du das Privileg hattest, bei deinen Eltern konstante Liebe erfahren zu dürfen, dann hat sich bei dir mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ein sicherer Bindungsstil gebildet. Dank diesem denkst du von dir selbst: »Ich bin eigentlich ganz ok. Ich bin liebenswert, so wie ich bin – so unperfekt, wie wir alle sind!« Wenn du das denkst, kann es gut sein, dass es gar nicht so viele Dinge gibt, die du über dich verstehen musst. Und dass du direkt jemanden findest, der dir guttut, weil du genau das anziehst, was du über dich selbst denkst. Das zeigt sich in Studien immer wieder.

Wenn es aber so ist, wie bei vielen anderen Menschen auch, dass in der ersten Beziehung mit den Eltern doch ein paar verletzende Dinge passiert sind, dann hast du vielleicht Angst davor, Nähe zuzulassen, weil du das mit Verletzung verbindest, oder du hast Angst, wieder verlassen zu werden. Vielleicht gab es eine Trennung, vielleicht aber auch jemanden, der einfach emotional nicht verfügbar war. Dann wirst du mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder jemanden anziehen, der dir zeigt, dass du nicht gut genug bist. Um aus diesen Mustern auszubrechen, ist es sehr wichtig, bei dir selbst anzufangen. Das kann man aber auch noch im höheren Alter erlernen. Unser Gehirn bleibt ein Leben lang flexibel. Man sagt, es ist neuroplastisch, das heißt, die Synapsen verbinden sich immer wieder neu und wir können korrigierende Lernerfahrungen machen. Deswegen können wir ein Leben lang lernen. Wenn sich die Muster allerdings über mehrere Jahrzehnte eingeschliffen haben, dann handelt es sich um neuronale Autobahnen – und diese wieder abzubauen, dauert sehr lange, aber es geht.

Der Titel deines Buchs lautet: »Frei und trotzdem verbunden« das deutet ja bereits auf ein Spannungsfeld hin. Müssen wir in Beziehungen zwangsläufig Kompromisse schließen, etwa in puncto Selbstverwirklichung, oder ist das nur eine häufige Fehlannahme?

Ich glaube schon, dass man in einer Beziehung nicht immer bei einer Lösung landet, die für einen selbst Ideal ist. Aber man muss nochmal differenzieren: Autonomie und Verbindung sind zunächst zwei psychologische Grundbedürfnisse. Beides will erfüllt sein, wenn wir langfristig zufrieden bleiben wollen. Wir alle streben danach, gesunde Verbindungen in unserem Leben zu haben. Das muss nicht die Paarbeziehung sein, aber für viele Menschen ist die Paarbeziehung die tiefste. Gleichzeitig wollen wir aber selbstbestimmt sein und autonom handeln. Ich bin mir sicher, dass man auch in einer Paarbeziehung seine eigene Autonomie immer wieder leben kann – und Nähe in einer Beziehung zuzulassen.

Das fühlt sich aber für jemanden, der einen ängstlich-vermeidenden Bindungsstil hat, durchaus bedrohlich an: So ein Mensch wirkt zunächst unabhängig und geht sehr gradlinig seinen Weg – und so denkt er auch von sich, weil die Psyche sich in der Vergangenheit von den eigenen Gefühlen abgespalten hat, um den Schmerz nicht mehr erleben zu müssen. So ein Mensch fühlt sich jedoch oft mit fortschreitendem Alter leer und einsam. Ich glaube schon, dass dies ein tiefer Ausdruck davon ist, dass wir alle irgendeine Form der Verbundenheit brauchen. Da kann einem die individualistische Gesellschaft noch so gern etwas anderes einreden wollen, aber wir kommen evolutionär betrachtet als Menschen aus einer Zeit, in der wir noch in einer Herde in der Savanne gelebt haben. Wenn du da aus der Herde ausgeschlossen wurdest, hat dich der Tiger einfach aufgefressen. Wenn Menschen heutzutage ausgeschlossen werden, dann sieht man, dass bei ihnen ähnliche Gehirnareale aktiviert werden, wie bei körperlicher Gewalt. Das ist ein ganz, ganz tiefer Schmerz. Und jeder, der sich einredet, er bräuchte niemanden in seinem Leben, blendet in meinen Augen etwas aus. Wir brauchen Beziehungen, die tief und ehrlich sind.

Wie verhält es sich eigentlich mit der Konfliktfähigkeit? Die gilt heutzutage quasi als Schlüsselkompetenz. Aber warum eigentlich, was macht einen konfliktfähigen Menschen aus?

Ich glaube, man muss die Reflexionsfähigkeit haben, das eigene, unerfüllte Bedürfnis hinter dem Konflikt zu erkennen und es zu kommunizieren. Denn Konflikte spielen sich oft auf einer projizierten Fläche ab – etwa beim Thema Haushalt: Der eine hat wieder das Geschirr nicht in die Spülmaschine geräumt, die andere regt sich darüber auf. Das ist aber nicht der Grund, weshalb dem wir eigentlich streiten. Für mich zeugt es daher von Konfliktfähigkeit, wenn ich reflektiere, was mein unerfülltes Bedürfnis ist – also, wovor ich eigentlich Angst habe, wenn ich zum x-ten Mal die Dinge meinem Partner oder meiner Partnerin hinterherräume. Da braucht es eine sehr gute Auseinandersetzung mit sich selbst. Man kann darüber reden, dann sind wir weg von der Vorwurfsebene. Wenn beide Partner das können, dann lassen sich auch Lösungen miteinander finden.

Inwieweit lassen sich Fähigkeiten, die man in Paarbeziehungen erlernt hat, auch auf andere Beziehungen – zum Beispiel am Arbeitsplatz – anwenden?

Der Klassiker, den Frauen mir oft nennen, lautet: »Ich möchte lernen, Grenzen zu setzen«. Denn wenn ich diese im privaten Kontext aufbaue und trainiere, dann fällt es mir auch leichter, dieses Verhalten auf den Job zu übertragen. Ich erlebe auch den Fall, dass es manchmal im Privaten schon gut klappt, aber dass es noch andere Barrieren im beruflichen Bereich gibt – zum Beispiel der Faktor Hierarchie, den wir im Privaten eher nicht haben.

Im Laufe der Jahre haben sich Paarbeziehungen durchaus verändert. Streiten sich Paare heute über andere Dinge als früher oder sind die Konfliktherde im Kern gleichgeblieben?

Ich kenne die Studienlage dazu nicht genau. Allerdings werden Frauen heutzutage eher darin bestärkt, zu sagen, dass dass es zum Beispiel mit der ungleich verteilten Care Arbeit und dem Mental Load so nicht weitergehen kann. Die nicht endende To-Do Liste im Kopf hat endlich einen Namen und auch die Folgen der Belastung sind bekannt.

Denn auch wenn die Frau Vollzeit arbeitet, übernimmt sie statistisch gesehen mehr von der unbezahlten Care-Arbeit als der Mann. Vor 50, 60 Jahren waren die Rollen noch sehr viel klarer voneinander getrennt. Damals gab es für die Frau vielleicht noch nicht einmal nicht die Option, erwerbstätig zu sein und ihre Unabhängigkeit aufzubauen. Ich glaube, damals wurde auch weniger in Frage gestellt. Aber was sich hinter verschlossenen Türen wirklich abgespielt hat, da habe ich leider keinen Einblick.

Wie wird es deiner Ansicht nach in Zukunft sein? Gibt es, neben den Herausforderungen innerhalb der Beziehung auch neue, externe Faktoren, aus denen Konfliktpotenzial resultiert?

Ja. Zunächst einmal können es sich die wenigsten Familien überhaupt leisten, ihr Kind länger als ein Jahr bei sich zu Hause zu belassen. Auf der anderen Seite wissen wir aber auch, dass Kinder für einen sicheren Bindungsstil gerade in den ersten drei Jahren eine konstante Bezugsperson haben sollten. Und in einer Fremdbetreuung gibt es eben so etwas selten. Da hast du wechselnde Pädagogen – und das ist bereits ein Risikofaktor mit Blick auf den sicheren Bindungsstil von Kindern. Solche Bedingungen können sich sowohl auf die derzeitigen Partnerschaften als auch auf die nächste Generation der Familien auswirken – denn natürlich nimmt das Kind diese Erfahrung auch wieder ins Erwachsenenalter mit.

Zusätzlich zeigt sich in Statistiken, dass der Anteil der Single-Haushalte in den letzten 40 bis 50 Jahren gestiegen ist. Ich würde davon ausgehen, dass die Zahlen hier in Zukunft weiter nach oben gehen werden. Ich glaube, als Single zu leben, ist vielleicht das angenehmere Leben für viele, die Schwierigkeiten haben, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Und allein zu sein heißt auch nicht, einsam zu sein. Ein Single-Haushalt ist nicht immer schlechter als ein geteilter Haushalt. Es ist wichtig, dass man sich sehr bewusst fragt, wie es einem mit den Menschen an seiner Seite geht. Die oberste Priorität sollte für mich sein, dass ich gesund bin und die Beziehung, die ich führe, auch. Ob das dann eine Partnerschaft ist, in der man lebt, eine Ehe oder, ob sich Freunde zusammentun, das ist zweitrangig.

Unsere Gesprächspartnerin: Linda-Marlen Leinweber ist als Psychologin, TEDxSpeakerin und Influencerin bekannt. Am 25. März erscheint ihr Buch »Frei und trotzdem verbunden: Führe die Beziehung, die du dir wünschst und bleibe du selbst«.

 

 

 

Beitragsbild: Sebastian Kickinger