Erfolg

Deutschlands Superreiche: Schwarz wird verdrängt von Listenneuling

66,7 Milliarden wie aus dem Nichts - Boehringer ist die neue Nummer eins

10 Min.

07.10.2026

Zwischen Lidl und Boehringer Ingelheim verschiebt sich die Spitze der deutschen Reichenliste: Dieter Schwarz wird trotz Milliardenplus von der bislang nicht geführten Boehringer-Familie verdrängt.

Dieter Schwarz ist innerhalb eines Jahres um 7,2 Milliarden Euro reicher geworden – und verliert trotzdem Platz eins unter Deutschlands Superreichen. Der Lidl- und Kaufland-Gründer muss sich 2026 erstmals der Eigentümerfamilie von Boehringer Ingelheim geschlagen geben. Sie taucht mit geschätzten 66,7 Milliarden Euro neu in der Rangliste auf und springt direkt an die Spitze. Doch das Vermögen ist keineswegs über Nacht entstanden.

Schwarz gewinnt Milliarden dazu – und verliert trotzdem Platz eins

Deutschlands reichster Mann des vergangenen Jahres hat wirtschaftlich eigentlich keinen Grund zur Klage. Das Manager Magazin schätzt das Vermögen von Dieter Schwarz inzwischen auf 53,7 Milliarden Euro, nach 46,5 Milliarden im Vorjahr. Ein Plus von 7,2 Milliarden Euro – und dennoch reicht es nur noch für Rang zwei.

Der Grund ist einer der ungewöhnlichsten Neueinstiege in der Geschichte der Liste. Die Gesellschafterfamilie des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim wird 2026 erstmals berücksichtigt und landet mit 66,7 Milliarden Euro aus dem Stand auf Platz eins. Neu reich geworden ist sie deshalb nicht: Die Familie fehlte aufgrund einer Vereinbarung aus den Anfangsjahren der Reichstenliste bislang vollständig im Ranking. Neu ist also nicht das Vermögen – neu ist seine Sichtbarkeit.

Wie 66,7 Milliarden Euro plötzlich sichtbar werden

Boehringer Ingelheim gehörte auch vor 2026 zu den größten deutschen Familienunternehmen. Dass seine Eigentümer dennoch jahrzehntelang in der Reichstenliste fehlten, geht nach Angaben des Manager Magazins auf eine Vereinbarung aus den Anfangsjahren des Rankings zurück. Damals war juristisch noch weniger eindeutig geklärt, in welchem Umfang private Vermögensschätzungen veröffentlicht werden dürfen.

Diese Sonderstellung ist nun beendet. Und allein dadurch verändert sich die Rangfolge an der Spitze schlagartig: Vor Schwarz erscheint ein Vermögen, das wirtschaftlich längst existierte, statistisch aber nicht berücksichtigt wurde.

Der Fall zeigt zugleich, warum Vermögensrankings komplizierter sind, als ihre präzisen Milliardenbeträge vermuten lassen. Boehringer Ingelheim befindet sich vollständig in Familienbesitz und ist nicht börsennotiert. Es gibt deshalb keinen Aktienkurs, an dem sich der Wert der Eigentümeranteile täglich ablesen ließe. Vermögenslisten müssen private Unternehmen anhand von Erträgen, Marktposition, Vergleichsunternehmen und weiteren Faktoren bewerten.

Ähnliches gilt für Schwarz. Auch die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland ist nicht börsennotiert. Die genannten 53,7 Milliarden Euro sind deshalb ebenso wenig ein Kontostand wie die 66,7 Milliarden Euro der Boehringer-Familie. Beide Zahlen sind Schätzungen des Wertes ihrer Unternehmensbeteiligungen und sonstigen zurechenbaren Vermögenswerte.

Daher ist Schwarz' Abstieg so ungewöhnlich: Er verliert nicht, weil Lidl oder Kaufland an Wert eingebüßt hätten. Im Gegenteil – sein geschätztes Vermögen wächst um mehr als sieben Milliarden Euro. Nur die Vergleichsgruppe hat sich verändert.

Boehringer zeigt damit, wie ein bislang nicht erfasstes Vermögen eine Rangliste auf einen Schlag neu ordnen kann. Schwarz zeigt die Kehrseite: Selbst ein milliardenschwerer Vermögenszuwachs garantiert keinen besseren Rang.

Beim nächsten Fall wird die Sache noch komplizierter.

Merck gewinnt rechnerisch 26,2 Milliarden

Noch spektakulärer sieht die Entwicklung der Familie Merck aus.

2025 wurde ihr Vermögen auf 24,5 Milliarden Euro geschätzt.

2026 sind es 50,7 Milliarden.

Rechnerisch ergibt das innerhalb eines Jahres einen Zuwachs von 26,2 Milliarden Euro – mehr als eine Verdopplung. Damit springt die Familie von Rang vier auf Rang drei.

Doch auch hier wäre die Schlussfolgerung falsch, Merck habe innerhalb von zwölf Monaten 26 Milliarden Euro verdient. Der außergewöhnliche Sprung geht laut aktuellen Auswertungen der Liste wesentlich auf eine Neubewertung zurück.

Die Eigentümerstruktur des Darmstädter Pharma- und Chemiekonzerns ist ungewöhnlich. Über die E. Merck KG kontrolliert die Gründerfamilie 70,274 Prozent des Kapitals der börsennotierten Merck KGaA. Nur knapp 30 Prozent werden frei an der Börse gehandelt. Bei solchen nicht unmittelbar an einem Börsenkurs ablesbaren Familienanteilen müssen Vermögenslisten mit Bewertungsmodellen arbeiten.

Wie genau das Manager Magazin die Merck-Beteiligung 2026 anders bewertet hat, ist öffentlich nicht detailliert nachvollziehbar. Sicher ist deshalb nur: Die Familie wird heute um 26,2 Milliarden Euro höher eingeschätzt.

Das bedeutet nicht automatisch, dass innerhalb eines Jahres 26,2 Milliarden Euro neues Vermögen geschaffen wurden.

23,5 Milliarden verschwinden aus der Liste

Bei Klaus-Michael Kühne passiert genau das Gegenteil.

2025 belegte der Logistikunternehmer mit einem geschätzten Vermögen von 23,5 Milliarden Euro noch Rang sechs. 2026 fehlt sein Name.

Auch diese Milliarden sind nicht vernichtet worden.

Kühne starb am 24. August im Alter von 89 Jahren. Kinder hatte er nicht. Seine Nachfolge war bereits lange vorher außergewöhnlich geregelt worden. Sein Vermögen und die Kühne Holding sollen nach seinem Tod auf die von ihm gegründete Kühne-Stiftung übergehen. In der Holding liegen bedeutende Beteiligungen an Kühne+Nagel, Hapag-Lloyd, Lufthansa, Brenntag, Flix und weiteren Unternehmen. Die wirtschaftlichen Werte bestehen also weiter. Sie wechseln lediglich aus einem privaten Vermögen in eine Stiftungsstruktur.

Für eine Liste der reichsten Privatpersonen entsteht dadurch ein bemerkenswerter Effekt:

Mehr als 20 Milliarden Euro können von einem Jahr auf das nächste verschwinden, ohne dass Unternehmen verkauft, Vermögenswerte zerstört oder Milliarden ausgegeben wurden. Sie gehören nur niemandem mehr, der in dieser Form in der Liste geführt wird.

Der echte Tech-Sprung sitzt auf Rang sechs

Will man wissen, wo hinter einem großen Vermögenszuwachs tatsächlich wirtschaftliche Dynamik steckt, lohnt der Blick auf Andreas von Bechtolsheim.

Der Mitgründer von Sun Microsystems und frühe Google-Investor steigt von 18,2 auf 27,7 Milliarden Euro.

Plus 9,5 Milliarden. Damit springt er auf Rang sechs.

Ein erheblicher Teil seines Vermögens ist mit Arista Networks verbunden. Das amerikanische Unternehmen liefert Netzwerktechnik für große Rechenzentren und gehört zu den Profiteuren des weltweiten KI-Infrastrukturbooms.

Arista erzielte 2025 bereits rund neun Milliarden Dollar Umsatz. Im zweiten Quartal 2026 überschritt das Unternehmen erstmals drei Milliarden Dollar Umsatz in einem einzigen Quartal. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent.

KI benötigt eben nicht nur Chips. Die gigantischen Rechenzentren müssen ihre Tausenden Prozessoren mit extrem schnellen Netzwerken verbinden. Genau dort verdient Arista sein Geld.

Bechtolsheims Vermögenssprung zeigt deshalb eine der großen Verschiebungen innerhalb der neuen Reichenlandschaft: Infrastruktur für künstliche Intelligenz kann mittlerweile Milliardenvermögen ebenso bewegen wie klassische Industrie oder Einzelhandel.

Auch weiter unten entstehen neue Milliarden

Das Bild setzt sich jenseits der Top Ten fort.

  • Shopify-Gründer Tobias Lütke erreicht mit einem geschätzten Vermögen von 6,3 Milliarden Euro Rang 35. Gegenüber dem Vorjahr kommen 1,1 Milliarden hinzu.
  • Die Familie Mohn hinter Bertelsmann legt ebenfalls um 1,1 Milliarden auf 8,3 Milliarden Euro zu.
  • Besonders auffällig ist Erich Wesjohann. Das Vermögen des Unternehmers hinter der EW Group steigt um 1,4 Milliarden auf 5,1 Milliarden Euro.

Solche Fälle zeigen zugleich, dass die Milliardenbewegungen nicht ausschließlich aus KI und Software stammen. Pharma, Lebensmittel, Familienunternehmen, Handel und klassische Industrie bleiben wichtige Quellen großer deutscher Vermögen.

Doch die Technologiewirtschaft produziert zunehmend neue Namen.

Die neuen Milliardäre kommen aus KI und Robotik

Das Manager Magazin hebt in diesem Jahr ausdrücklich mehrere jüngere Unternehmer aus der deutschen Start-up-Szene hervor.

Dazu gehört Jan Oberhauser, Gründer des Berliner Automatisierungs- und KI-Unternehmens n8n.

Noch im Oktober 2025 wurde n8n bei einer Finanzierungsrunde mit 2,5 Milliarden Dollar bewertet. Ein Einstieg von SAP im Mai 2026 setzte die Unternehmensbewertung bereits bei 5,2 Milliarden Dollar an.

Ebenfalls neu in der Welt der großen Vermögen ist David Reger, Gründer von Neura Robotics.

Das Unternehmen aus Metzingen sammelte im Juni bis zu 1,4 Milliarden Dollar frisches Kapital ein. Die dabei genannte Unternehmensbewertung lag bei rund sieben Milliarden Dollar.

Dabei gilt allerdings eine wichtige Einschränkung: Eine Unternehmensbewertung ist nicht identisch mit dem Privatvermögen eines Gründers.

Nach mehreren Finanzierungsrunden gehören Investoren erhebliche Unternehmensanteile. Erst die Beteiligungsquote des Gründers entscheidet darüber, welcher Teil einer Milliardenbewertung ihm persönlich zugerechnet werden kann.

Trotzdem zeigt sich eine Verschiebung. Neben alteingesessene Handels-, Pharma- und Industriefamilien treten Gründer, deren Unternehmen innerhalb weniger Jahre Bewertungen in Milliardenhöhe erreichen.

Die Autovermögen verlieren Milliarden

Auf der anderen Seite der Liste zeigt sich die deutsche Industriekrise ziemlich unmittelbar.

Susanne Klatten und Stefan Quandt fallen mit ihrem unter anderem an BMW gebundenen Vermögen von 36,1 auf 33,3 Milliarden Euro.

Ein Minus von 2,8 Milliarden.

Noch deutlicher trifft es die Familie Porsche und Piëch. Ihr geschätztes Vermögen sinkt von 15,5 auf 12,4 Milliarden Euro.

3,1 Milliarden Euro weniger innerhalb eines Jahres.

Damit verliert die Familie rund ein Fünftel ihres geschätzten Vermögens und fällt auf Rang 17.

Das Vermögen hängt wesentlich an Beteiligungen an Volkswagen und Porsche. Schwache Geschäfte in China, hohe Kosten des technologischen Umbaus und die Probleme der europäischen Autoindustrie schlagen deshalb auch auf die Werte der Eigentümer durch.

Auch SAP-Mitgründer Hasso Plattner verliert auf dem Papier 2,1 Milliarden Euro und kommt noch auf 15,6 Milliarden.

Die Familie Reimann sinkt von 24 auf 21,5 Milliarden Euro.

Große Privatvermögen sind damit keineswegs vor konjunkturellen und technologischen Veränderungen geschützt – gerade dann nicht, wenn ein erheblicher Teil des Vermögens in wenigen Unternehmensbeteiligungen steckt.

257 Milliardäre – so viele wie nie

Und trotzdem erreicht Deutschland bei der Zahl der Milliardäre einen neuen Rekord.

257 Personen oder Familienverbünde verfügen nach den Schätzungen des Manager Magazins inzwischen über mindestens eine Milliarde Euro. Damit ist mehr als jeder zweite Eintrag innerhalb der Top 500 ein Milliardenvermögen.

Doch selbst diese Rekordzahl erzählt nur einen Teil der Geschichte.

Das bereinigte Gesamtvermögen der 100 reichsten Deutschen stieg innerhalb eines Jahres um 3,4 Prozent auf knapp 784 Milliarden Euro.

Der Dax gewann im gleichen Zeitraum fast neun Prozent.

Deutschlands größte Vermögen wachsen damit keineswegs automatisch schneller als der Kapitalmarkt. Vielmehr verschieben sie sich.

  • Alte Industrievermögen verlieren an Wert.
  • Techbeteiligungen steigen.
  • Neue Start-ups schaffen junge Milliardäre.
  • Stiftungen nehmen private Milliarden aus dem Ranking.
  • Eine Familie, deren Vermögen jahrzehntelang nicht berücksichtigt wurde, erscheint plötzlich auf Rang eins.

Eine Reichenliste misst mehr als Erfolg

Eine Zahl wie 50 oder 60 Milliarden Euro wirkt eindeutig. Sie ist es nicht.

Bei börsennotierten Beteiligungen können Aktienkurse Milliarden innerhalb weniger Monate verschieben. Bei privaten Unternehmen müssen Umsatz, Ertrag und Vergleichsbewertungen herangezogen werden. Beteiligungsstrukturen verändern das Ergebnis. Unternehmensverkäufe, Erbfälle oder Stiftungen können Vermögen neu verteilen. Und manchmal verändert sich schlicht die Methode oder der Kreis der erfassten Personen.

Deshalb ist auch die spektakulärste Zahl der Liste nicht unbedingt die wichtigste.

66,7 Milliarden Euro sind 2026 neu aufgetaucht.

Reicher geworden ist Deutschland dadurch keinen einzigen Euro.

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben