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Beim zweiten Versuch bis in den Orbit

Wie drei Münchner Studenten aus einer verrückten Idee ein Milliardenunternehmen machten

9 Min.

08.09.2026

Isar-Aerospace-CEO Daniel Metzler, vierter von links, bei einer Podiumsdiskussion auf der Hannover Messe mit Vertretern aus Spitzenpolitik und Großindustrie, am 24.04.2026.

Beim ersten Flug kam Spectrum nach rund 30 Sekunden wieder herunter. Beim zweiten erreichte die Rakete den Erdorbit und setzte Satelliten aus. Für Isar Aerospace ist damit eine technische Hürde gefallen, an der europäische Raumfahrt-Start-ups seit Jahren arbeiten. Wirtschaftlich beginnt die spannendere Phase jedoch erst jetzt: Fünf weitere Raketen befinden sich bereits in Produktion, bei München entsteht Kapazität für bis zu 40 Träger pro Jahr und in Kanada ist der nächste Startplatz geplant. Aus einem acht Jahre alten TUM-Spin-off soll ein industrieller Raketenhersteller werden – und damit möglicherweise der Kern eines größeren europäischen New-Space-Marktes.

Beim zweiten Flug bis in den Orbit

Am Samstagabend um 22.12 Uhr startete die 28 Meter hohe Spectrum-Rakete vom norwegischen Andøya Spaceport. Wenig später hatte Isar Aerospace erreicht, was beim ersten Testflug im März 2025 noch nicht gelungen war: Spectrum passierte die entscheidenden Flugphasen, trennte die beiden Raketenstufen, zündete die zweite Stufe und erreichte schließlich die notwendige Orbitalgeschwindigkeit. Fünf Kleinsatelliten sowie ein Experiment wurden anschließend ausgesetzt. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt bestätigt, dass die Nutzlasten erfolgreich in ihre jeweiligen Zielorbits gebracht wurden.

Damit gelang nach Angaben der ESA der erste erfolgreiche Orbitalstart vom europäischen Festland. Isar Aerospace bezeichnet sich zugleich als erstes kommerzielles europäisches Raumfahrtunternehmen, das mit einer eigenen Trägerrakete Satelliten in den Orbit gebracht hat. Für das 2018 von drei Absolventen der Technischen Universität München gegründete Unternehmen ist das ein erheblicher Schritt. Isar Aerospace beschäftigt inzwischen mehr als 400 Mitarbeiter und hat nach Angaben der TUM eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar erreicht.

Angefangen hat alles mit Raketentriebwerken von Studenten

Die Geschichte von Isar Aerospace begann nicht in einer großen Fabrik, sondern in einer studentischen Forschungsgruppe der Technischen Universität München. Daniel Metzler, Josef Fleischmann und Markus Brandl arbeiteten dort gemeinsam an Raketentriebwerken. Als sie ein Video ihres Projekts veröffentlichten, meldeten sich plötzlich Unternehmen mit Interesse an der Technik.

Die ungewöhnliche Nachfrage führte zu einer ziemlich grundlegenden Frage: Warum wollten Industrieunternehmen ausgerechnet Raketentriebwerke von Studenten kaufen? Die drei erkannten darin eine Marktlücke. Kleine und mittelgroße Satelliten wurden immer wichtiger, gleichzeitig fehlten in Europa günstige und flexible Möglichkeiten, sie gezielt ins All zu bringen. Statt lediglich ihre Triebwerkstechnik weiterzuentwickeln, beschlossen sie deshalb, eine eigene Rakete zu bauen.

2018 gründeten sie Isar Aerospace. Erste Prototypen von Triebwerkskomponenten entstanden im MakerSpace von UnternehmerTUM, Unterstützung kam unter anderem über den XPRENEURS-Inkubator und später von Investoren. Aus dem studentischen Projekt entwickelte sich innerhalb weniger Jahre ein Unternehmen mit mehr als 400 Beschäftigten und einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar.

Der erste Versuch endete nach rund 30 Sekunden

Dass der Erfolg keineswegs selbstverständlich war, zeigt der erste Spectrum-Flug. Am 30. März 2025 hob die Rakete ebenfalls in Andøya ab, verlor jedoch zu Beginn eines Rollmanövers die Lagestabilität. Nach rund 30 Sekunden wurde der Flug beendet, die Rakete stürzte ins Meer. Später identifizierte Isar Aerospace unter anderem ein unbeabsichtigt geöffnetes Ventil als Ausgangspunkt des Problems.

Das Unternehmen bezeichnete bereits diesen missglückten Flug als Test, aus dem möglichst viele Daten gewonnen werden sollten. Software und Systemreserven wurden anschließend angepasst. Auch der zweite Flug ließ länger auf sich warten als zunächst geplant. Mehrere Startversuche wurden wegen technischer Probleme, Wetters und sogar eines unbefugt in den Sicherheitsbereich eingefahrenen Boots abgebrochen.

Darin liegt allerdings ein wichtiger Unterschied zwischen Raumfahrt und vielen anderen Industrien: Ein erfolgreicher Prototyp genügt nicht. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen Raketen wiederholt, zuverlässig und in immer kürzeren Abständen starten kann.

Fünf weitere Raketen sind bereits im Bau

Deshalb ist die vielleicht wichtigste Zahl nach dem erfolgreichen Flug nicht die Flughöhe. Es sind die Nummern drei bis sieben. Diese fünf nächsten Spectrum-Raketen befinden sich nach Angaben von Isar Aerospace bereits in Produktion. Das Unternehmen wartet also nicht ab, ob der jüngste Start funktioniert, bevor es die nächste Rakete baut. 

Bei Parsdorf östlich von München entsteht beziehungsweise startet gleichzeitig die Produktion in einer 40.000 Quadratmeter großen Fertigungsanlage. Dort sollen langfristig bis zu 40 Spectrum-Raketen im Jahr gebaut werden können. Isar Aerospace spricht selbst von der »machine behind the machine«: Nicht nur die Rakete soll entwickelt werden, sondern ein Produktionssystem, mit dem sich Raketen automatisiert und in Serie herstellen lassen.

Das ist wirtschaftlich ein entscheidender Punkt. Eine einzelne Rakete erfolgreich in den Orbit zu bringen, beweist technische Fähigkeit. 40 Raketen pro Jahr zu produzieren und dafür regelmäßig zahlende Kunden zu finden, wäre ein Industriegeschäft.

Isar Aerospace macht ungewöhnlich viel selbst

Die mögliche Wertschöpfungskette funktioniert hier etwas anders als beispielsweise in der Automobilindustrie. Isar Aerospace verfolgt eine stark vertikal integrierte Strategie. Entwicklung, Produktion und Tests der Spectrum erfolgen nach Unternehmensangaben nahezu vollständig im eigenen Haus. Selbst große Teile der Triebwerkstechnik werden nicht bei etablierten Luftfahrtkonzernen eingekauft.

Das begrenzt auf den ersten Blick den klassischen Zulieferereffekt. Doch eine wachsende kommerzielle Raumfahrtindustrie endet nicht an der Rakete. Benötigt werden unter anderem Materialien, Elektronik, Sensoren, Testtechnik und Fertigungsmaschinen. Hinzu kommen Start- und Bodeninfrastruktur, Software, Kommunikation und vor allem die Nutzlasten selbst: Satelliten für Erdbeobachtung, Kommunikation, Navigation, Forschung und zunehmend auch Sicherheits- und Verteidigungsanwendungen.

Dass sich entlang dieser Kette bereits neue industrielle Strukturen entwickeln, lässt sich an einem anderen Projekt beobachten. Der Satellitenanbieter Planet erweitert derzeit seine Produktion in Berlin. Eine neue Fertigungsanlage soll die Kapazität für die nächste Generation seiner hochauflösenden Pelican-Satelliten verdoppeln; bis zu 70 zusätzliche Beschäftigte sollen hinzukommen. Gemeinsam mit Isar Aerospace ist eine Mission geplant, bei der erstmals sowohl Satellit als auch Trägerrakete in Deutschland gebaut werden. Ein verlässlicher europäischer Startdienst kann damit wiederum andere Unternehmen attraktiver machen, die Satelliten oder Komponenten entwickeln.

Die Rakete ist Transportinfrastruktur

Der Grund, wieso Politik und Raumfahrtagenturen das Thema inzwischen nicht mehr ausschließlich als Forschungsförderung sehen. Ein Satellit besitzt wenig wirtschaftlichen oder strategischen Wert, solange er nicht in den Orbit gelangt. Europa war in den vergangenen Jahren dabei zeitweise besonders abhängig von Startmöglichkeiten außerhalb des Kontinents. Zugleich wächst die Nachfrage nach kleineren Satelliten und ganzen Konstellationen.

Spectrum ist für Nutzlasten von bis zu 1.000 Kilogramm in einen niedrigen Erdorbit ausgelegt. Damit zielt Isar Aerospace gerade auf kleine und mittelgroße Satelliten, etwa für Breitbandkommunikation und Erdbeobachtung. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil eines kleineren Launchers liegt dabei nicht zwingend im niedrigsten Preis pro Kilogramm. Große Raketen können mehrere Satelliten gleichzeitig transportieren und dadurch Skalenvorteile erzielen. Ein kleinerer Launcher kann Kunden dagegen flexiblere Starttermine und gezieltere Umlaufbahnen ermöglichen.

Aus dem Raketenbau wird damit letztlich ein Logistikgeschäft.

Europa steckt inzwischen Milliarden in unabhängigen Zugang zum All

Ganz ohne staatliche Unterstützung entsteht dieser Markt allerdings nicht. Ende August unterzeichnete Isar Aerospace einen Vertrag im Rahmen der European Launcher Challenge der ESA. Damit sind Programmzusagen von rund 200 Millionen Euro verbunden. Gefördert werden unter anderem die Weiterentwicklung der Raketen, zusätzliche Test- und Startinfrastruktur sowie künftige Missionen.

Schon der jüngste Flug wurde über das ESA-Programm Boost! unterstützt. Die Nutzlasten waren über den Mikrolauncher-Wettbewerb der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR ausgewählt worden. Das Modell unterscheidet sich dabei bewusst von der traditionellen europäischen Raumfahrtpolitik. Das DLR betont, Spectrum sei nicht im staatlichen Auftrag entwickelt worden, sondern für einen kommerziellen Markt. Der Staat kauft Startdienstleistungen und fördert Wettbewerb, anstatt Entwicklung und Trägersystem vollständig selbst zu bestimmen.

Neben Isar Aerospace treten in Europa unter anderem Rocket Factory Augsburg, HyImpulse, das französische Unternehmen MaiaSpace und Spaniens PLD Space an. Ziel der European Launcher Challenge ist ausdrücklich, private europäische Anbieter langfristig international wettbewerbsfähig zu machen.

270 Millionen Euro für die nächste Wachstumsstufe

Auch private Investoren haben inzwischen erhebliche Summen eingesetzt. Im Juni sammelte Isar Aerospace in einer Series-D-Finanzierungsrunde weitere 270 Millionen Euro ein. Das Geld soll vor allem in die Serienproduktion und die internationale Expansion fließen. Zu den Investoren gehören unter anderem HV Capital, Lakestar, UVC Partners sowie KfW Capital.

Neben Andøya entsteht bereits der nächste Startplatz. Im kanadischen Nova Scotia plant Isar Aerospace einen eigenen Spectrum-Launchkomplex. Von dort sollen künftig kommerzielle, zivile und auch Verteidigungsmissionen gestartet werden können. Weitere Standorte werden nach Unternehmensangaben geprüft.

Das macht deutlich, wohin Isar Aerospace will: nicht lediglich Raketen verkaufen. Das Unternehmen möchte möglichst große Teile des Zugangs zum Weltraum kontrollieren – von Entwicklung und Produktion über Tests bis zur Startrampe.

Jetzt beginnt der schwierigere Teil

Der Flug vom Samstag ist deshalb zweifellos ein Durchbruch, aber noch kein Beweis für ein dauerhaft profitables Geschäftsmodell. Raketenstarts müssen zuverlässig wiederholbar werden. Produktionskosten müssen sinken. Die 40.000 Quadratmeter große Fabrik muss tatsächlich in einen industriellen Takt kommen. Und vor allem braucht es genügend Kunden, um eine Startfrequenz zu erreichen, mit der sich die hohen Fixkosten verteilen lassen.

Dazu kommt mächtige Konkurrenz. SpaceX hat mit Falcon 9 die Kosten für Orbitalstarts massiv gesenkt und erreicht eine Startfrequenz, von der europäische Anbieter bislang weit entfernt sind. In Europa selbst konkurrieren neue private Launcher außerdem untereinander und mit etablierten Trägern wie Ariane 6. Isar Aerospace muss deshalb nach dem technischen Beweis nun den wirtschaftlichen erbringen.

Stefanie S. Klief

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