Er logierte in Luxushotels, flog im Privatjet, bewegte sich in politischen und gesellschaftlichen Kreisen und wollte nach eigener Darstellung Milliardär werden. Hendrik Holt galt noch vor seinem dreißigsten Geburtstag als außergewöhnlich erfolgreicher Windkraftunternehmer. Heute wird der 36-Jährige weltweit gesucht. Dazwischen liegen erfundene Windparks, Millionenverluste internationaler Energiekonzerne, ein gescheiterter Masken-Deal mit dem Bundesgesundheitsministerium, Jahre im Gefängnis – und erstaunlicherweise neue Geschäfte. Die Geschichte des Hendrik Holt handelt deshalb nicht nur von Betrug. Sie handelt davon, wie mächtig das Bild von Erfolg sein kann.
Das Wunderkind der Windkraft
Holt kam zunächst nicht als Hochstapler ohne Branchenkenntnis daher.
Seine Unternehmensgruppe war tatsächlich im Windenergiemarkt tätig und hatte zunächst auch reale Projekte verkauft. In einer Phase, in der genehmigungsfähige Windkraftstandorte zunehmend knapp und für internationale Energiekonzerne entsprechend attraktiv waren, präsentierte sich Holt als derjenige, der genau solche Projekte liefern konnte.
Die öffentliche Rolle passte dazu.
Die ARD-Dokumentation »Holt – Der Windkraft-Schwindler« beschreibt, wie Holt als Visionär und Hoffnungsträger der Energiewende wahrgenommen wurde, Kontakte in Politik und Wirtschaft pflegte und seinen Erfolg sichtbar inszenierte: hochwertige Kleidung, Luxusreisen, große Hotels und das Auftreten eines Unternehmers, der schon sehr jung in einer anderen Liga spielte.
Der wirtschaftliche Erfolg bekam allerdings irgendwann eine zweite Grundlage.
Nachdem die Gruppe zunächst reale Projekte verkauft hatte, begannen Holt und seine Mitstreiter nach den späteren Feststellungen des Landgerichts, Windparks anzubieten, die teilweise überhaupt nicht existierten.
Wenn Papier Millionen wert wird
Die Konstruktion funktionierte auch deshalb, weil ein Windpark in seiner Entwicklungsphase tatsächlich vor allem aus Rechten und Dokumenten besteht.
Noch bevor ein einziges Windrad steht, können Flächennutzungsverträge, Zustimmungserklärungen von Gemeinden, Netzanschlüsse und Planungsfortschritte bereits erheblichen wirtschaftlichen Wert besitzen.
Die Holt-Gruppe legte Energiekonzernen entsprechende Unterlagen vor.
Nur waren zahlreiche davon gefälscht.
Der tschechische Energiekonzern ČEZ, Italiens Enel und der schottische Versorger SSE schlossen Projektverträge im Gesamtwert von rund zehn Millionen Euro. Bei den Ermittlungen wurden mehr als 1.000 gefälschte Unterschriften gefunden. Teilweise wurden identische Projekte mehreren Unternehmen angeboten. 2022 verurteilte das Landgericht Osnabrück Holt wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs zu sieben Jahren und sechs Monaten Haft. Auch sein damaliger Finanzdirektor sowie mehrere Familienmitglieder wurden verurteilt.
Die ARD-Dokumentation beschreibt darüber hinaus einen geplanten Coup, der auf eine Beute von mehr als einer Milliarde Euro zielte. Diese Summe ist ausdrücklich vom gerichtlich festgestellten Schaden zu unterscheiden.
Am 17. April 2020 endete der erste Teil dieser Karriere in einer Suite des Berliner Hotels Adlon. Dort wurde Holt festgenommen.
Dann kamen die Masken
Doch selbst zu diesem Zeitpunkt entstand bereits das nächste Millionengeschäft. Zu Beginn der Corona-Pandemie bot Holt dem Bundesgesundheitsministerium FFP2- und FFP3-Schutzmasken für insgesamt rund 42 Millionen Euro an.
Die Staatsanwaltschaft warf ihm später vor, einen Vorschuss von 17 Millionen Euro verlangt zu haben, obwohl er überhaupt nicht in der Lage gewesen sei, die Ware zu liefern.
Das Ministerium lehnte ab. Geld floss nicht.
Wichtig ist dabei die juristische Trennung: Für diesen versuchten Maskenbetrug wurde Holt in dem Verfahren von 2023 nicht verurteilt. Die Wirtschaftsstrafkammer trennte diesen Verfahrensteil ab, weil weitere Zeugen aus dem Ausland hätten gehört werden müssen. Verurteilt wurde er dagegen wegen einer Geschichte, die zum Muster seiner Selbstdarstellung passt.
Holt hatte behauptet, den damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn persönlich getroffen zu haben und dabei mit einer Forderung nach persönlicher finanzieller Beteiligung konfrontiert worden zu sein. Das Landgericht stellte fest, dass dieses Treffen nicht stattgefunden hatte und die Behauptung bewusst unwahr gewesen war. Wegen Verleumdung erhielt Holt acht Monate Freiheitsstrafe.
In mehreren Verfahren kam schließlich eine Haftstrafe von insgesamt rund neun Jahren zusammen. Man könnte erwarten, dass an dieser Stelle auch die unternehmerische Geschichte endet.
Tat sie nicht.
Selbst das Gefängnis bedeutete nicht das Ende der Geschäfte
Seit Ende 2024 befand sich Holt im offenen Vollzug.
Und spätestens 2025 taucht sein Name wieder in einem hochkarätigen wirtschaftlichen Vorgang auf: dem Verkauf des Flughafens Rostock-Laage.
Offizieller Käufer war die Berliner Beteiligungsgesellschaft Crisp Partners.
Crisp Partners erklärte später selbst, Holt habe den Kontakt vermittelt und die Idee eingebracht, Flächen am Flughafen für Photovoltaik und Energiespeicher zu nutzen. Eine Beteiligung Holts an Crisp Partners oder am Flughafen bestritt das Unternehmen ausdrücklich.
Recherchen von »Business Insider« und »Welt«, die sich auf interne Dokumente stützen, beschreiben dagegen eine größere Rolle des verurteilten Unternehmers hinter dem Geschäft. Der Kaufpreis soll 3,1 Millionen Euro betragen haben; Teile davon blieben Berichten zufolge später offen.
Der erstaunliche Punkt ist unabhängig davon, welche dieser Rollenbeschreibungen am Ende vollständig zutrifft:
Holt hatte nach Jahren der Untersuchungshaft, einem spektakulären Strafprozess und einer Verurteilung wegen Millionenbetrugs offenbar noch immer Zugang zu Menschen, die mit ihm über größere Wirtschaftsprojekte sprachen.
Das unterscheidet seinen Fall von einer simplen Aufstiegs-und-Absturz-Geschichte. Die alte Firma war weg. Das Netzwerk erwies sich als erstaunlich haltbar.
Eine Million Euro für das Holt Family Office
Im Frühjahr 2026 tauchte dann ein weiterer Name auf: Holt Family Office GmbH.
Der Gesellschaftsvertrag wurde am 28. April geschlossen, am 9. Juni änderte die Gesellschaft noch einmal ihren Unternehmensgegenstand, drei Tage später erfolgte die Eintragung in Berlin. Geschäftsführerin ist Holts Ehefrau Jana Michaela Holt. Das Stammkapital beträgt eine Million Euro.
Als Geschäftszweck nennt das amtliche Register die Verwaltung und Anlage eigenen Vermögens der Gesellschafter sowie den Handel mit Luxusgütern und Kunstgegenständen auf eigene Rechnung.
Daraus lässt sich gerade nicht ableiten, dass Hendrik Holt eine Million Euro in die Gesellschaft eingebracht habe oder wirtschaftlich hinter ihr stehe. Auffällig bleibt der zeitliche Kontext: Während Holts eigenes Insolvenzverfahren weiterlief und Gläubiger inzwischen Forderungen von mehr als 40 Millionen Euro anmelden, entstand in seinem familiären Umfeld eine Gesellschaft mit seinem Namen und einem für eine GmbH ungewöhnlich hohen Stammkapital. Der Insolvenzverwalter verfolgt die Vorgänge nach eigener Aussage aufmerksam.
Wie Flughafen und Family Office zusammenhängen könnten – und was tatsächlich belegt ist –, haben wir deshalb gesondert betrachtet.
Die Familie gehörte lange zu Holts Geschichte dazu
Auch privat und geschäftlich lässt sich Holts Geschichte kaum vollständig voneinander trennen.
Bereits beim ursprünglichen Windparkbetrug waren Familienmitglieder beteiligt und wurden später ebenfalls verurteilt. Die ARD widmete seiner späteren Ehefrau Jana sogar einen eigenen Dokumentarfilm. Demnach nahm sie am Tag seiner Festnahme 2020 wieder Kontakt zu ihm auf; die Beziehung entwickelte sich während seiner Haft weiter.
Heute führt Jana Holt das Family Office. Aktuelle Medienberichte zeigen sie zudem schwanger; Holt ließ sie nach diesen Berichten mit den Kindern in Deutschland zurück, als er im August nicht mehr in die Justizvollzugsanstalt zurückkehrte.
Mehr braucht diese private Seite in einer Wirtschaftsgeschichte nicht. Interessanter bleibt, wie eng in Holts Fall über Jahre Familie, Unternehmen, Inszenierung und Geschäftsnetzwerk miteinander verbunden waren.
Erfolg kann sich selbst verstärken
Vielleicht erklärt das auch einen Teil der erstaunlichen Langlebigkeit dieser Karriere. Erfolg erzeugt Signale. Wer mit großen Unternehmen Geschäfte macht, wirkt auf den nächsten Geschäftspartner vertrauenswürdiger.
Keines dieser Signale beweist wirtschaftliche Substanz. Zusammen können sie aber ein Bild erzeugen, das sich selbst verstärkt.
Sein Fall zeigt weniger, wie man erfolgreich wird. Er zeigt, wie überzeugend Erfolg wirken kann, wenn die äußeren Zeichen stimmen – und wie lange diese Wirkung sogar nach einem Zusammenbruch fortbestehen kann.
Das Comeback begann noch vor der Flucht
Der Flughafen Rostock-Laage macht diesen Punkt besonders deutlich. Holt musste nicht erst aus dem Gefängnis entlassen werden, einen neuen Firmennamen suchen und langsam ein Netzwerk aufbauen.
Noch während seiner Haft wurde er wieder in ein Millionenprojekt einbezogen. Wenige Monate später entstand im familiären Umfeld ein neues Family Office.
Das ist kein Beweis dafür, dass Holt erneut selbst eine Unternehmensgruppe aufgebaut hatte. Es zeigt aber, dass seine ökonomischen Kontakte und sein unternehmerisches Selbstbild die Haft offenbar überstanden hatten.
Dann kam der 25. August 2026.
Holt verließ die Justizvollzugsanstalt zu einem genehmigten Ausgang und kehrte nicht zurück. Nach ihm wird weltweit gefahndet; ein Europäischer Haftbefehl liegt vor. Ein ihm zugerechneter Instagram-Account sendete später »Liebesgrüße aus Moskau«. Dass Holt tatsächlich in Russland ist, haben die Behörden bislang nicht bestätigt.
Wie ein Mann mit seiner Vorgeschichte überhaupt so weitreichende Lockerungen erhalten konnte, ist eine eigene Geschichte. Und sollte er tatsächlich in Russland sein, stellt sich eine zweite Frage: Wie bekommt Deutschland einen rechtskräftig verurteilten Flüchtigen von dort zurück?
Für die wirtschaftliche Geschichte bleibt dagegen eine andere Pointe.
Hendrik Holt wollte einmal Milliardär werden. Sein erster Unternehmensaufstieg endete mit erfundenen Projekten, Millionenverlusten und einer Gefängniszelle. Doch nicht einmal diese Zelle kappte offenbar sämtliche Verbindungen in die Geschäftswelt.
Vielleicht ist genau das die bemerkenswerteste Seite seines Falls: Nicht wie hoch Holt einmal aufstieg – sondern wie lange die Inszenierung von Erfolg wirtschaftliche Türen öffnen konnte, nachdem längst bekannt war, worauf ein großer Teil dieses Erfolgs beruhte.
Stefanie S. Klief