Ein Expertenbeitrag von Christian Ohlschmid
Alle sitzen bereit, erwartungsvoll, gespannt, manche widerwillig. Das Licht ist gedimmt. Endlich geht es los. Alles ist schwarz, dann erscheint ein verschwommenes Bild. Ein Krächzen ertönt, ein geisterhaftes Echo hallt im Raum wider, das Bild flackert und verschwindet. Eine hohle Stimme fragt: „Bist du da? Ich kann dich nicht sehen… Hörst du mich?“
Nein, diese Situation beschreibt keine geheimnisvolle Geisterbeschwörung aus dem Mittelalter, sondern das – manchmal nicht weniger unheimliche – Homeschooling aus dem Jahr 2020.
Viele erinnern sich mit Schaudern an diese gruselige Zeit. Gruselig nicht wegen der Geister, sondern wegen der technischen Systeme, die nicht immer so zuverlässig funktioniert haben, wie sie es hätten sollen. Die negativen Erfahrungen haben dazu geführt, dass Online-Unterricht von den meisten Leuten inzwischen strikt abgelehnt wird. Die Vorurteile bei Schülern und Eltern sitzen so tief, dass man als Nachhilfeschule bei der Bewerbung seiner Online-Kurse nur schwer dagegen ankommt.
Aber diese Videokonferenzen waren nicht nur schlecht. Sie haben ermöglicht, dass die Schüler während der Pandemie nicht auf der Strecke geblieben sind, sondern weiterlernen konnten, sie haben das soziale Miteinander am Laufen gehalten und Menschen über die Abstandsregeln hinweg miteinander verbunden. Kann man also, wenn man von einem technisch und inhaltlich funktionierenden Einsatz ausgeht, dem Online-Unterricht nicht auch etwas Gutes abgewinnen?
Ich sage ganz entschieden: JA.
Wir nutzen Online-Unterricht sehr intensiv und er funktioniert wirklich gut – auch wenn wir immer wieder harte Überzeugungsarbeit bei Schülern und Eltern leisten müssen.
Weniger organisatorischer Aufwand
Dabei reduziert Online-Unterricht eine Menge Zeit und Aufwand, um zum Unterricht zu gelangen. Schüler und Dozenten können ganz bequem daheim vom Schreibtisch aus arbeiten, sparen sich also den Weg zum Unterrichtsort und haben dadurch auch keine Benzin- oder Parkkosten. Ein Nachhilfeschüler, nennen wir ihn Tim, kann somit in Ruhe von der Schule nach Hause kommen, zu Mittag essen und seine Hausaufgaben machen. Zu Beginn seines Nachhilfekurses muss er dann nur noch seinen Laptop aufklappen. Genauso kann sein Dozent Marco direkt im Anschluss an den Kurs rechtzeitig seine bevorzugte Nachrichtensendung einschalten.
Außerdem kann der Online-Unterricht unkompliziert und nachvollziehbar geplant werden. Alle Videokonferenz-Systeme bieten neben dem Call auch einen Chat an, über den sich schnell Termine vereinbaren lassen, die alle Teilnehmer des jeweiligen Kurses sehen können. Und wenn man einen Kurs zum Beispiel aus Krankheitsgründen verschieben muss, kann man den Ersatztermin auch mal direkt zwischen Hausaufgaben und Klavierstunde legen.
Online-Unterricht ist darüber hinaus von überall aus möglich. Tim könnte am Wochenende bei seiner Oma oder sogar in den Ferien vom Hotelzimmer aus seinen Unterricht wahrnehmen. Diese Ortsungebundenheit bringt den immensen Vorteil mit sich, dass die Nachhilfeschulen als Dozenten Fachkräfte unabhängig von deren Wohnort für ihren Unterricht gewinnen können. Das ist besonders für Sprachkurse unschlagbar, denn hier werden die Schüler von Muttersprachlern unterrichtet und lernen so auch die kleinen Feinheiten der jeweiligen Sprache kennen.
Spontan, flexibel, passgenau
Auch inhaltlich bietet der Online-Unterricht große Chancen. Unser oft vergesslicher Tim hat daheim zwangsläufig immer alle Unterlagen dabei, die er braucht. Dadurch kann er mit Marco an genau der Mathematikaufgabe arbeiten, die ihm am Vormittag in der Schule Probleme bereitet hat, anstatt dass Marco den Kurs mit mehr oder weniger ähnlichen Aufgaben oder gar Lückenfüllern überbrücken muss.
Dadurch wird ein spontaner, flexibler und zielgenauerer Unterricht ermöglicht. Marco kann schnell und unkompliziert Übungsaufgaben auf seinem PC oder im Internet zu genau dem Thema suchen, das Tim üben möchte. Wären die beiden im Präsenzunterricht, müsste Marco immer all sein Material mitnehmen, um optimal für Tim vorbereitet zu sein – und nur für Mathematik wäre das bei ihm schon ein ganzes Bücherregal. Zusammenfassungen oder Schaubilder können im Gruppenchat des Online-Kurses dauerhaft festgehalten werden. Marco kann nicht vergessen, sie bis zum nächsten Kurs zu kopieren, und Tim kann sie nicht wieder verlieren.
Und schließlich kann Marco spontan zusätzliche oder schwierigere Aufgaben heranziehen, wenn er merkt, dass Tim die Grundlagen begriffen hat. So üben die Schüler entweder ausdauernd oder gehen gleich einen Schritt weiter, wenn sie das Thema schnell verstanden haben, und versuchen sich an der nächsten Schwierigkeitsstufe. Dadurch wirkt die Nachhilfe nicht nur fördernd, sondern auch fordernd.
Kein Ersatz für Präsenzunterricht, aber eine gewinnbringende Ergänzung
Natürlich soll dieses Plädoyer für den Online-Unterricht nun keins sein, das den Präsenzunterricht ausstechen möchte, ganz im Gegenteil. Der Präsenzunterricht in der Schule ist wichtig und er muss auch zwingend weiterhin erhalten bleiben. Ich verstehe den Online-Unterricht aber als eine sinnvolle und gewinnbringende Ergänzung, denn er hat auf seine digitale Weise die gleichen Ziele wie der Präsenzunterricht: die Schüler inhaltlich zu fördern und zu fordern, sie in ihrem persönlichen Lernen zu unterstützen und sie auf ihre Zukunft vorzubereiten – die ja ohnehin immer mehr von digitalen Medien vereinnahmt wird.
Und wenn dann in vielen Jahren Videokonferenzen immer noch wie Geisterbeschwörungen anmuten, liegt es hoffentlich nicht mehr an der Technik, sondern nur noch an den gruseligen Kompetenzen derjenigen Nutzer, die sich nicht so wie die Schüler unserer Nachhilfeschule rechtzeitig damit auseinandergesetzt haben.

Christian Ohlschmid ist Experte für Bildung & Nachhilfe. Nach über 20 Jahren Erfahrung im Nachhilfebereich hat er im März 2020 in Passau seine Nachhilfeschule Büffelagenten gegründet und den Unterricht schon nach kürzester Zeit um Online-Kurse erweitert.
Beitragsbilder: IMAGO xFotostandx xK.xSchmittx / Lisa Stümpfl










