Was passiert, wenn ein Spiel zur Realität wird und in den Straßen von Wien, New York oder Bangkok ausgetragen wird? Peter Rautek hat genau das möglich gemacht. In der YouTube-Serie »Manhunt« versuchen bekannte YouTuber und Streamer, über mehrere Tage hinweg unentdeckt zu bleiben, während ein Team aus Ermittlern ihnen dicht auf den Fersen ist. Ohne Geld und Nahrung müssen die Teilnehmer clever agieren, sich verstecken und jede Gelegenheit nutzen, um zu entkommen. Im Interview erzählt Rautek, wie aus einem anfänglichen Experiment eine professionelle Produktion wurde, warum das Konzept ohne Drehbuch funktioniert und welche überraschenden Momente ihn persönlich am meisten beeindruckt haben.
Herr Rautek, wie kamen Sie auf die Idee, aus einem Spiel ein so intensives Reality-Format wie Manhunt zu entwickeln?
Ich bin seit über 20 Jahren im Fernseh- und Filmbereich als Regisseur tätig und arbeite für österreichische Fernsehsender. Irgendwann kam mein Sohn zu mir und wollte »Seven vs. Wild« mit mir schauen. In diesem Moment entstand die Idee, selbst ein Format auf YouTube zu starten.
Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich machen könnte – etwas, das mich wirklich interessiert und gleichzeitig funktioniert. Mir war klar, dass ich keine Kopie von »Seven vs. Wild« machen wollte, das wäre zu langweilig gewesen.
Anfangs hatte ich die Idee, ein Format zu entwickeln, bei dem man in einer Großstadt ohne Essen, Geld und Trinken überleben muss. Wer am Ende das meiste Geld hat, gewinnt. Diese Idee habe ich jedoch schnell wieder verworfen und bin schließlich auf das Konzept der Verfolgungsjagd gekommen.
Der gesamte Entwicklungsprozess hat etwa ein Jahr gedauert. Anschließend habe ich eine Produktionsfirma gefunden und die Manhunt Media GmbH gegründet. So entstand das gesamte Konstrukt. Danach ging alles relativ schnell: Im Januar fiel die Entscheidung, und im Juni haben wir bereits die erste Staffel in Wien gedreht.

Das ging dann aber doch sehr schnell …
Ursprünglich war das Ganze eigentlich nur als Testlauf gedacht. Doch dann sagten nach und nach immer mehr größere YouTuber zu. Spätestens da wurde mir klar, dass wir mit ihnen keinen einfachen Testlauf mehr machen konnten. Den Test haben wir schließlich im kleinen Rahmen selbst durchgeführt – wir haben uns einfach gegenseitig gejagt.
Was war Ihre zentrale Vision hinter Manhunt, und wie hat sich diese über die Zeit entwickelt?
Ich mache gerne Dinge, die Spaß machen und ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass das genau das Richtige ist und dass die Leute das sehen wollen. »Manhunt« ist inzwischen zu dem geworden, was wir uns erhofft haben: Wir haben den Kanal in kürzester Zeit von null auf 350.000 Abonnenten aufgebaut. Das macht natürlich stolz.
Gleichzeitig ist das erst der Anfang. Jetzt müssen wir genauer darauf achten, was wir tun. Am Anfang war vieles egal – ohne Zuschauer kann man machen, was man will. Aber jetzt gibt es ein Publikum, und damit auch klare Erwartungen.
Erfolg misst man oft in Zahlen – welche Kennzahl war für Sie persönlich der Moment, in dem Sie wussten: »Manhunt« funktioniert wirklich?
Das war bei Folge 1 von Staffel 2. In Staffel 1 hatten wir pro Folge etwa 60.000 Zuschauer. Damit waren wir bereits sehr zufrieden. Mit Staffel 2 ist das Ganze dann plötzlich explodiert, warum auch immer. Anscheinend hat uns der Algorithmus ab diesem Zeitpunkt deutlich stärker ausgespielt.
Wir sind schon am ersten Tag mit rund 50.000 Zuschauern gestartet, und nach einer Woche lagen wir bereits bei einer Million.
Welche wirtschaftlichen Risiken sind Sie eingegangen, als Sie die Serie ohne etablierten Sender gestartet haben?
Das war ein großes finanzielles Risiko. Wenn man das alles durchrechnen würde, würde man das Geld vermutlich nie investieren. Aber diese Überlegung stand für uns nie im Vordergrund. Wir haben einfach gesagt: Wir starten in Wien und probieren es aus.
Mit der zweiten Staffel in Bangkok haben sich die Kosten im Vergleich zu Wien dann etwa verfünffacht. Wir hatten 24 Personen im Hintergrund, die alle nach Bangkok geflogen und untergebracht und verpflegt werden mussten. Dadurch sind natürlich enorme Kosten entstanden.
Welche Schritte sind notwendig, bevor die Teilnehmer tatsächlich in die »Jagd« starten?
Da kommen viele Dinge zusammen. Zuerst braucht man Spieler, dann eine geeignete Location. Hat man eine Location ins Auge gefasst, muss man sie zunächst genau prüfen: Wie sicher ist die Stadt? Welche Gegebenheiten gibt es vor Ort? Ist Tracking dort überhaupt möglich? Und wie sehen die gesetzlichen Rahmenbedingungen aus?
Anschließend treten wir mit einer lokalen Produktionsfirma in Kontakt, die uns weitere Einblicke und Informationen liefert. Danach beginnt die eigentliche Planung: Wir gehen das Regelwerk noch einmal durch, analysieren, was wir aus der letzten Staffel gelernt haben, und überlegen, welche neuen Elemente wir einbringen können.
»Manhunt« wirkt extrem authentisch und ungeskriptet – wie schaffen Sie es, Spannung zu erzeugen, ohne klassische Dramaturgie zu nutzen? Lenken Sie die Serie trotzdem?
Überhaupt nicht und genau das ist ja das Spannende, auch wenn das viele nicht verstehen. Man muss nichts skripten. Wenn das Grundkonzept stark genug ist, braucht es kein Drehbuch. Man darf nicht vergessen: Wir versetzen die Teilnehmer in einen Ausnahmezustand. Sie sind auf der Flucht und wissen nicht, ob sie gerade gejagt werden. Das Einzige, was wirklich zählt, ist, dass sie mitfilmen und sich an das Regelwerk halten, damit das Spiel fair bleibt. Darüber hinaus gibt es keine Vorgaben.
Sobald der Startschuss fällt, haben wir in der Spielleitung keine Kontrolle mehr. Wir wissen nicht, was draußen passiert. Wir sehen lediglich die Positionen der Teilnehmer. Alles andere erfahren wir erst im Nachhinein. Wir hatten auch nie die Sorge, zu wenig Material zu bekommen, weil das Konzept an sich schon Spannung erzeugt. Es geht darum zu beobachten, wie die Menschen agieren: Wie kommt jemand durch? Wie schlägt er sich? Was tut er und wie versuchen die Hunter, ihn zu fangen?
Spannend wird es nur, wenn die Teilnehmer auch vor der Kamera reflektieren und ihre Gedanken teilen. Wenn du jemanden hast, der zwar das Gleiche erlebt, dich aber nicht mitnimmt und nichts davon vermittelt, verliert das Ganze schnell an Reiz.
Ein Skript würde dieses Format komplett zerstören. »Manhunt« lebt von dieser ungefilterten, puren Realität.

Gab es einen kritischen Moment in der Produktion, bei dem Sie dachten, das Projekt könnte scheitern?
Die Sorge, dass die Aufrufe ausbleiben, war natürlich immer da. In dem Fall hätten wir uns überlegen müssen, wie es weitergeht. Aber darüber hinaus hatte ich nie Zweifel, dass das Konzept grundsätzlich funktioniert. Die größere Sorge ist jedes Mal, dass draußen jemandem etwas passiert. Wobei man auch sagen muss: Die Teilnehmer sind letztlich selbst für sich verantwortlich.
»Manhunt« ist kein Freibrief. Niemand soll über rote Ampeln laufen, fremde Grundstücke betreten oder Dinge tun, die man im normalen Leben auch nicht machen würde. Die Teilnehmer werden darüber ausführlich informiert und tragen die Eigenverantwortung dafür. Sollte es zu einem Strafverfahren kommen, müsste der Teilnehmer das selbst klären.
Gibt es im Hintergrund eine Art Sicherheitsnetz für die Teilnehmer?
Alle Teilnehmer haben einen Notfallbutton. Sobald dieser ausgelöst wird, versuchen wir zuerst, den Spieler telefonisch zu erreichen. Sollte er nicht antworten oder nicht erreichbar sein, verständigen wir sofort Rettungskräfte und die Polizei. In diesem Moment wissen wir nicht, was passiert ist, ob er sich verletzt hat oder Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist.
Wir haben außerdem immer einen Notfallsanitäter vor Ort. Auch die Hunter sind geschult und können Erste Hilfe leisten. Sollten sie in der Nähe sein, würden sie die Jagd sofort unterbrechen. Sicherheit hat für uns oberste Priorität.
Teilnehmerinnen bekommen zusätzlich nachts einen Security-Mitarbeiter gestellt, der immer in etwa 100 Metern Entfernung in der Nähe ist.
Welche Szene oder welcher Moment aus »Manhunt« hat Sie persönlich am meisten überrascht – und warum?
Es gibt viele solcher Situationen, aber ich würde sagen, es sind vor allem die Zufälle, die den Unterschied machen. Am meisten überrascht hat uns allerdings, wie unfreundlich Menschen in Deutschland und Österreich oft reagieren. In Wien wurde zwar einem Teilnehmer bei der Flucht geholfen, aber insgesamt sind die Menschen eher zurückhaltend und verschlossen. Ganz anders ist es in New York: Dort sind die Leute offen, höflich und hilfsbereit. Ebenso in Bangkok. Solche Erfahrungen haben wir in Wien so nicht gemacht.
In der letzten Staffel zum Beispiel saß ein Teilnehmer in New York auf der Straße und zog seine Schuhe aus. Da kommt eine völlig fremde Person vorbei – ohne, dass er sie angesprochen hätte – und sagt: »Du brauchst Babypuder für deine Füße, damit du keine Blasen bekommst.« Außerdem gibt sie ihm noch ein paar Tipps, wo man Essen bekommt, falls man obdachlos geworden ist. So etwas passiert in Österreich oder Deutschland kaum jemandem.
Ein Teilnehmer hat in Wien versucht, Geld zu bekommen und wurde dabei sogar beleidigt. So etwas ist in keiner einzigen anderen Staffel passiert, weder in Bangkok noch in New York. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Peter Rautek ist Regisseur, Dramaturg und Entwickler des Konzepts von Manhunt.
Beitragsbilder: Manhunt.at

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