Ein Gastbeitrag von Moritz Ulrich
Es ist 18 Uhr. Du bist auf dem Heimweg im Auto und freust dich auf den Abend. Das Handy klingelt, jemand aus dem Office ruft an. Und schon ist man hin- und hergerissen. Geht man ran, um noch schnell eine Frage zu beantworten? Oder bleibt man konsequent, wie man es sich vorgenommen hat, und klärt es morgen? Auch ich als Yogalehrer (der also vermeintlich immer tiefenentspannt ist) kenne diese Momente nur zu gut. Egal, wie wir uns entscheiden, meistens bleibt eine innere Unruhe zurück. Denn entweder meldet sich das schlechte Gewissen, weil man nicht reagiert hat, oder aus einer kurz gedachten Antwort entstehen neue Aufgaben, über die man sich zwar jetzt am Abend schon Gedanken macht, die man aber sowieso erst morgen erledigen kann.
Dieses Alltagsdilemma steht stellvertretend für unsere heutige Arbeitsrealität. Ganz gleich, ob angestellt oder selbstständig, abschalten fällt schwer, To-do-Listen nehmen kein Ende. Gerade im unternehmerischen Kontext machen wir oft Ausnahmen von den eigenen Grenzen, was Erreichbarkeit, Zuständigkeit oder Entscheidungen angeht, und das mehr, als uns langfristig guttut. Naheliegend ist dann der Versuch, wie ihn viele kennen, mit mehr Disziplin, Struktur und Kontrolle dagegen zusteuern: mit klaren Regeln, festen Zeiten und immer neuen Methoden für noch mehr Produktivität.
Meine Erfahrung sagt jedoch, dass das nicht zu mehr Entlastung führt, sondern nur eine andere Form von Druck erzeugt. Wir fühlen uns gezwungen, noch strukturierter zu reagieren, noch schneller zu entscheiden, noch konsequenter zu sein.
Mentale Überlastung entsteht oft nicht durch zu viel Arbeit, sondern dadurch, dass ständig Entscheidungen von uns gefordert werden. Jede Mail, jeder Anruf, jede Nachfrage verlangt eine schnelle Reaktion. Alles scheint wichtig, alles scheint sofort erledigt werden zu müssen. Was uns dabei fehlt, ist aber nicht eine neue äußere Ordnung, sondern eine innere Entscheidungsordnung. Das ist die Fähigkeit, nicht alles gleich zu behandeln. Wenn die fehlt, dann fehlt auch ein Regulativ, wie wir mit einzelnen Entscheidungen umgehen: Wir treffen eine Entscheidung und beginnen sofort, diese Entscheidung wieder zu überprüfen. Das geschieht nicht aus Unsicherheit, sondern aus dem Gefühl heraus, dass wir immer verfügbar bleiben und nichts übersehen wollen. Aber dieses ständige innere »Nachverhandeln« setzt uns zusätzlich unter Stress. Mit der Folge, dass wir dauerhaft unter Hochspannung stehen und alles deutlich mehr Kraft kostet, als nötig wäre. Wir reden hier nicht von individuellem Versagen, sondern von einer Arbeitswelt, in der Verantwortungsbewusstsein mit ständiger Verfügbarkeit verwechselt wird. Hier hilft mentale Klarheit dabei, dass wir uns ordnen können. Dann bleiben wir auch unter hohem äußeren Druck handlungsfähig. Mentale Klarheit verhindert, dass wir jede Anforderung innerlich zur gleichen Dringlichkeit werden lassen. Wenn uns das gelingt, stellt sich Erleichterung ein, weil wir nicht mehr alles gleichzeitig tun oder entscheiden müssen. Dafür reicht eine einfache Führungsfrage: Was passiert konkret, wenn ich diese Entscheidung jetzt nicht treffe?
Ein Unternehmer beschreibt mir eine typische Woche von ihm: Er arbeitet konzentriert, reagiert schnell und lässt nichts liegen. Trotzdem bleibt am Ende der Tage das Gefühl, nie fertig zu sein. Als er aufhört, alles sofort abzusichern, operative Themen bewusst von richtungsgebenden Entscheidungen trennt und das Operative gezielt verschiebt oder übergibt, verändert sich etwas Entscheidendes: Es liegt nicht mehr alles gleichzeitig bei ihm. Die Entscheidungen haben eine Reihenfolge oder liegen bei jemand anderem und das entlastet ihn deutlich. Dieses Muster zeigt sich im Alltag vieler Menschen. Wir starten motiviert in den Tag, mit einer langen To do-Liste und hohen Erwartungen an uns selbst. Abends kippt die Stimmung. Nicht, weil wir nichts geschafft hätten, sondern weil wir nicht alles geschafft haben.
Hier entsteht mentale Klarheit durch eine ehrliche Neubewertung: Was war heute realistisch? Was war von vornherein nicht machbar? Und welche Aufgaben sind im Laufe des Tages dazugekommen, ohne dass ich bewusst entschieden habe, ob sie heute wirklich dran sind? In dem Moment, in dem wir diese Unterscheidung treffen können, entsteht innere Ordnung und es wird nicht alles rückwirkend zur unerledigten Aufgabe. Mentale Klarheit sorgt dafür, dass wir uns selbst führen und nicht von äußeren Bedingungen und Anforderungen getrieben werden. Sie entsteht dort, wo wir konsequent trennen, worum wir uns jetzt kümmern, was wir jetzt entscheiden, was wir bewusst offenlassen oder vertagen – und was nicht bei uns liegt.

Moritz Ulrich ist Yogalehrer und Buchautor. In seinem Buch »Das Ende deiner Suche« schreibt er über mentale Ordnung als Fundament für Erfolg.
Bei diesem Gastbeitrag handelt es sich um einen Archivbeitrag.
Beitragsbilder: ©pavelbecker / IMAGO / Ikon Images











